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Der alte Hauptweg

Lisa Jureczko

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Der älteste Hauptweg [1] liegt im östlichen Bereich des Melatenfriedhofs und verläuft von Süden nach Norden. Dieser entwickelte sich seit den Anfängen des Melatenfriedhofs zum wichtigsten Part der Friedhofsanlage. Die inzwischen etwa 250 Meter lange Achse wurde insbesondere im Rahmen der Erweiterungen in den Jahren 1830-33, 1849/50, 1868 und 1875, in denen der Friedhof immer wieder vergrößert wurde, um einige Meter verlängert. [2] Für die Entwicklung der Grabmalkunst relevante Grabmäler finden sich zudem auch an den sich nach West und Ost hin abzweigenden Wegen und der Mittelachse, der sogenannten Millionenallee.

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Die einflussreichsten Familien und Persönlichkeiten der Stadt Köln fanden hier ihre letzte Ruhestätte in imposanten und prächtigen Grabbauten und Gruften. Insbesondere der östliche Hauptweg sowie die Millionenallee mit ihren Grabmälern sind als Sinnbild für die Selbstinszenierung der Bürger des 19. Jahrhunderts anzusehen. [3] Dass diese Grabmäler und -bauten in solcher Art überhaupt errichtet wurden, ist außerdem einer Regelung zuzuschreiben, die es ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ermöglichte, Grabflächen als „ewige Ruhestätte“ [4] zu nutzen.

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Anhand des östlichen Hauptweges sowie einiger anderer Grabbauten in dessen Nähe soll nun aufgezeigt werden, wie sich die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Grabmalkunst selbstinszenierte. Vor allem dieser Teil des Melatenfriedhofs verdeutlicht nämlich, welche stilistischen Elemente zu dieser Zeit in Mode gewesen sind. Neben einer Vielzahl klassizistischer Symbole finden sich beispielsweise auch Grabmäler sakralarchitektonischer Natur sowie Grabdenkmäler, die antikisierende und christliche Elemente vereinen. Des Weiteren sind nicht nur private Einzel- und Familiengräber Teil des östlichen Hauptweges sowie der Millionenallee, sondern auch Denkmäler für die Verstorbenen diverser Kriege und Aufstände.

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Die Beliebtheit klassizistischer bzw. antikisierender Elemente während des 19. Jahrhunderts zeigt sich insbesondere an den Grabmälern der Familie von Essingh, der Familie Fröhlich und der Gruft der Familie Mevissen. [5] Das zwischen 1981 und 1982 restaurierte Grabmal der Familie von Essingh befindet sich im nördlichen Bereich der östlichen Hauptachse und besteht aus einer torbogenartigen Architektur, deren Seiten aufwändig mit filigranen floralen Details geschmückt sind. [6] Auf einen zweistufigen Unterbau folgt ein Quader mitsamt einer Inschrift, die auf die hier Bestatteten verweist. Auf diesem erheben sich zwei Pfeiler, die ein aufwändig mit Voluten, Palmetten und Blüten sowie einer weiteren Inschrift verziertes Gebälk tragen. Zwischen den zwei Pfeilern befindet sich eine Amphora, die in ihrer Zerbrechlichkeit für die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens steht. [7]

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Das Grabmal der Familie Fröhlich befindet sich gleich westlich hinter dem 1901–1902 erbauten und 1985 restaurierten Pförtnerhäuschen aus der Zeit des Jugendstils nahe des ehemaligen Haupteinganges des Melatenfriedhofs. [8] Somit liegt es nicht direkt auf der Hauptachse, soll hier aber aufgrund der Vielzahl von antikisierenden Elementen, die es umfasst, kurz beschrieben werden. Der relativ kleine Grabstein unterteilt sich in drei Ädikulen, die jeweils ein Inschriftenfeld beinhalten. Jeder der drei Dreiecksgiebel weist zudem ein Symbol auf, welches wiederum christlicher Natur ist: Während links ein Kelch als Symbol der Eucharistie zu sehen ist, sind im mittleren Giebel zwei ineinandergreifende Hände als Zeichen für die über den Tod hinaus währende Liebe der Verbliebenen abgebildet, und im rechten Giebelfeld ein Kranz für die Auferstehung Christi. [9] Rechts und links der Giebel befinden sich zwei abstrahierte, vereinfachte Palmettenakrotere, die an Vorbilder der griechischen Antike erinnern. Des Weiteren befindet sich zu beiden Seiten jeweils eine brennende, umgedrehte Fackel als Symbol des dahinschwindenden Lebens. [10] Auch dieses Element hat seine Wurzeln in der antiken Mythologie und basiert auf der Geschichte des griechischen Gottes Thanatos, dem aus der Nyx geborenen Tod und Bruder des Hypnos als Personifikation des Schlafs. [11]

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Ebenfalls im nördlichen Bereich der Hauptachse liegt die Gruft der Familie Mevissen, die von Hermann Otto Pflaume (1830-1901) entworfen wurde und bis heute genutzt wird. [12] Von der mittig gelegenen tempelartigen Ädikula aus erstreckt sich zu beiden Seiten hin die mit fünf Inschriftenplatten geschmückte Rückwand, welche kurze Ausläufer aufweist, die ebenfalls mit jeweils drei Inschriftenplatten verziert sind. An diese schließt eine Umzäunung an, die in zwei mit Palmetten bekrönten Pilastern gegenüber der Ädikula abschließt. Zwischen dem durch die Pilaster symbolisierten Eingangsbereich und der Ädikula liegt der mit einer modernen Platte verschlossene Eingang zur Gruft. Die Ädikula weist einen reich verzierten Unterbau samt Blattsteg auf, welcher zwei kannelierte und mit Volutenkapitellen geschmückte Säulen trägt, die zwei flachen Pilastern vorgeblendet sind, welche die Rückwand einrahmen. Die Säulen wiederum tragen einen nach Vorbildern der griechischen und römischen Antike verzierten Giebel. Zwischen den Säulen befindet sich ein hervorgehobener Sockel mit floralem Dekor, der ein an eine antike Amphore erinnerndes bronzenes Gefäß trägt, welches einen aus einer Flamme aufsteigenden Phönix als Symbol der Auferstehung zeigt. [13]

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Besondere Beliebtheit erfuhr im 19. Jahrhundert auch die Form des Obelisken als Symbol für die Unsterblichkeit der Tugend des Verstobenen. Die Wurzeln des Symbols liegen im alten Ägypten, als Obelisken nicht nur als Zeichen des Sonnenkultes, sondern auch der Unsterblichkeit der Herrscher verstanden wurden. [14] Die Nutzung von Obelisken im Bereich der Friedhofsanlagen ist auf die Verwendung dieses Bauwerkstypus in der städtischen Baukunst zurückzuführen. So wurden Obelisken im 19. Jahrhundert in verschiedenster Form für diverse Denkmäler genutzt. [15] Aufgegriffen wird diese Form unter anderem bei den Grabmälern Daniel Heinrich Delius‘ (1773-1832), der Gruft der Familie Deichmann sowie dem Grabmal der Brüder Louis und Napoleon de Lattes.

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Der Obelisk Daniel Heinrich Delius‘ befindet sich in der Mitte des ersten, frühesten Teils der östlichen Hauptachse. Bei dem heutigen Denkmal handelt es sich um eine Rekonstruktion aus der Nachkriegszeit, welche auf dem Originalentwurf Peter Joseph Imhoffs (1768-1844) basiert. [16] Der Obelisk wird zum einen durch einen auf seiner Spitze befestigten, goldenen Strahlenkörper sowie ein Relief eines sich auf eine Fackel stützenden Genius geschmückt. [17] Das umzäunte Areal weist neben dem Obelisken zudem zwei geschrägte Grabplatten auf. Auf einer älteren Aufnahme ist die noch gut lesbare Inschrift zu sehen. Ebenso wird deutlich, dass die Spitze des einstigen Obelisken nicht geschmückt war.

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Die Gruft der Familie Deichmann liegt östlich der Hauptachse, auf der sogenannten Millionenallee, und wird von einer niedrigen Mauer eingegrenzt, die mithilfe kleiner Inschriftentafeln auf die Bestatteten verweist. Im mittleren Bereich erhebt sich ein Eingangsbereich in Form eines Obelisken, über den man in die Gruft gelangt. Zwar scheint der gesamte Eingang die Form eines Obelisken aufzugreifen, der tatsächliche Obelisk wurde jedoch auf den gebäudeähnlichen Eingang aufgesetzt. Dieser weist neben einem Bossenwerk, welches an die Architektur des 19. Jahrhunderts angelehnt ist, zudem eine mit einem Kreuz bekrönte Inschrift auf. Konzipiert wurde das Grabmal von Hermann Otto Pflaume (1830-1901) und Heinrich Band (1855-1919), die bronzene Eingangstür wiederum von Wilhelm Albermann (1835-1913). [18]

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Im späten 19. Jahrhundert waren außerdem Porträtbildnisse der Verstorbenen beliebt. [19] Diese Mode hat ihre Vorbilder ebenfalls in der römischen Antike und den römischen Kaiserbildnissen in Form von Münzporträts und Porträttondi. [20] Beispielhaft sind hier die Grabmäler der Familie Peter vom Raths, die Familiengräber Herstatts und Merkens sowie die Gruft der Familie Paas.

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Das Familiengrab Johann Peter vom Raths wird an drei Seiten von einer schmalen Mauer eingeschlossen, die aufgrund der Säulen mit korinthisch anmutenden Kapitellen und Bögen an einen Klosterhof oder Säulengang erinnert. In der Mitte der Rückwand befindet sich ein vorgeblendeter Quader mit Inschriftentafel, antikisierenden Elementen wie Akroteren, Kapitellen und Voluten sowie kleinen Engelsköpfen und einem floralen Dekor im Abschluss. Diese Elemente rahmen einen weißen Porträttondo Johann Peter vom Raths ein, welches sein Bildnis in linker Profilansicht zeigt.

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Das auf dem frühen Abschnitt der östlichen Hauptachse befindliche Familiengrab der Herstatts weist zehn abgeschrägte Grabplatten auf, die von einem hohen Zaun eingegrenzt werden. Die einzelnen Grabplatten sind zum Teil stark verwittert. Gut erhalten sind zwei bronzene Grabplatten mit Porträtbildnissen. Als erläuterndes Beispiel soll hier nur die vor dem Eingangsbereich liegende Platte thematisiert werden. Diese von Christian Mohr (1823-1888) entworfene Grabplatte zeigt ein Porträt des 1879 verstorbenen Johann David Herstatt (1805-1879), welches von antikisierenden Elementen eingerahmt wird. [21] Auch hier handelt es sich um einen Porträttondo, der im unteren Bereich von zwei Olivenzweigen eingerahmt wird, während der obere Bereich von einer Art Gewölbearchitektur eingefasst wird, die von zwei Pilastern getragen wird. Die Olivenzweige dienen als Symbol des ewigen Friedens. [22] Die Pilaster wiederum untergliedern sich in mehrere, aufeinander aufbauende Elemente: Auf eine sechseckige Basis folgen kannelierte Säulen mit Volutenkapitellen, die wiederum hermenähnliche menschliche Wesen mit verschleiertem Haupt und zum Gebet gefalteten Händen aufweisen. Diese Säulen stützen den auf korinthischen Kapitellen mit Voluten liegenden Bogen, der eine schlichte Eierstabverzierung aufweist. Über dem Porträttondo halten zwei in den Zwickeln positionierte geflügelte Wesen (ähnlich Viktorien bzw. Niken) jeweils einen Palmwedel sowie einen Kranz, der ein Kreuz umschließt. Auch dieses Motiv basiert auf Bildern antiker Torbögen, wie sie an zentralen Stellen im römischen Reich errichtet wurden.

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Im Bereich der südlichen Wegekreuzung liegt die Gruft der Familie Paas, welche ein rechteckiges, bronzenes Porträtfeld aufweist. Zu sehen ist die rechte Profilansicht des Verstorbenen Friedrich Wilhelm Paas (1799-1868), welche von Wilhelm Fassbinder (1858-1915) angefertigt wurde. [23] Über seinem Haupt befindet sich ein mit einer Schärpe dekorierter Laubkranz, dessen Enden zu beiden Seiten hin herabhängen. Das gesamte Porträtfeld erinnert vor allem aufgrund der Form sowie den abstrahierten Quasten an ein Banner als Hoheitszeichen, wie es im römischen Reich als Feldzeichen, vor allem aber seit dem Mittelalter genutzt wurde. [24]

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Das Grabmal Heinrich Merkens (1777-1854) unterscheidet sich insofern von den drei obengenannten Grabdenkmälern, als die Form eines Ädikulagrabmales aufgegriffen und ein rundplastisches Porträt des Verstorbenen genutzt wird. Entworfen wurde das Grabmal vom Kölner Architekten Anton Wallée (1807-1876). [25] Die marmorne Porträtbüste mit der Signatur „Mohr fecit 1856“ [26] wird von zwei Säulen mit korinthischen Kapitellen eingerahmt, auf denen eine Giebelarchitektur aufliegt, die von einem Kreuz bekrönt wird. Des Weiteren weist der Giebel die Inschrift „Selig die Gestorbenen im Herrn, ihre Werke folgen ihnen nach.“ auf.

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Neben den oben beschriebenen Gruften symbolisiert auch das Familiengrab Syebertz einen Höhepunkt in der Selbstinszenierung nach dem Tod in Form von Mausoleen und Gruften. [27] Die um 1855 von Julius Raschdorff (1823-1914) entworfene Gruft der Familie Syebertz befindet sich im nördlichen Bereich der östlichen Hauptachse und weist einen dreistufig abgetreppten Vorhof auf, welcher von einer kleinen Umfassungsmauer eingegrenzt wird. [28] Der Eingangsbereich des Mausoleums erinnert an einen antiken Grabbau, welcher neuzeitliche Elemente der italienischen Hochrenaissance wie das Bossenwerk und zwei quadratische Vorsprünge aufgreift.[29] Den oberen Abschluss des Baus bildet ein Sarkophag, der auf Löwen aufliegt, und eine Inschrift sowie ein Relief aufweist. Das Relief ist Christian Mohr zuzuschreiben und zeigt die biblische Geschichte der „Drei Frauen am offenen Grab Christi“ [30]. Auch die noch erhaltene Skulptur rechts des Eingangsbereiches, die einen Todesengel mit einem Kranz in seiner Rechten sowie einer umgedrehten Fackel in seiner Linken zeigt, wurde von Christian Mohr entworfen. [31]

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Interessant sind darüber hinaus auch Grabmäler, die architektonische Elemente des Hochmittelalters und des Barocks sowie vermehrt eine christliche Symbolik aufweisen. Hierzu zählen die Grabmäler von Kaufmann und Joest, insbesondere aber die Grabdenkmäler der Familien Wittgenstein, Michels, Mayers und Pfeifers.

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Während die Grabmäler der Familie Joest und der Familie Kaufmann an gotische Kirchtürme erinnern, und somit auf das äußere Erscheinungsbild eines kirchlichen Gebäudes verwiesen wird, werden bei den Grabmälern der Familien Michels und Neven sowie der Familie Wittgenstein Elemente der kirchlichen Innenarchitektur aufgegriffen. [32] Während das strahlend weiße Grabdenkmal der Familie Wittgenstein aufgrund des nach oben hin aufstrebenden Unterbaus auch an ein Hochkreuz erinnert, wurde der Eindruck, man befände sich in einer Kirche, im Rahmen der Gestaltung des Michels-Neven-Grabmales durch eine dem Grab vorgesetzte, steinerne Gebetsbank noch weiter zugespitzt. Das Hochkreuz des Michels-Neven-Grabmales, welches 1857 von Christian Hörner hergestellt wurde, orientiert sich an einem Werk Ludwig Michael Schwanthalers (1802-1848), welches er in den 1830er Jahren für den Bamberger Dom schuf. [33] Das Grabmal der Familie Wittgenstein wiederum entwarf Julius Raschdorff. Nach der Zerstörung während des Zweiten Weltkrieges wurde das Grabdenkmal erneuert und restauriert. [34]

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Eine Verschmelzung christlicher und antikisierender Symbole zeigt sich anhand des Familiengrabes der Familien Mayer und Pfeifer, konzipiert durch einen Architekt Frentzen. [35] In seiner Form vereint das Grabmal Elemente einer barocken Kirche sowie der Terrasse einer barocken Gartenanlage, des Weiteren weist die mittlere Ädikula architektonische Aspekte diverser Epochen auf. Die Ädikula besteht aus zwei glatten Säulen mit kleinen Volutenkapitellen, welche einen gesprengten Dreiecksgiebel tragen. [36] Ähnliche Kapitelle finden sich an der Fassade der römischen Kirche Santi Luca e Martina, die 1650 von Pietro da Cortona (1596-1669) erbaut wurde. [37] Hinter dem Haupt der Christusfigur befindet sich eine halbrunde Ausbuchtung mit geometrischer Ausarbeitung. Stilistisch erinnert diese an diverse Grabmäler im Petersdom, so beispielsweise auch an das Grabmal Papst Urbans VIII. (1568-1644), welches von Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) entworfen wurde. [38] Mittig, direkt über dem Haupte der Christusskulptur, befindet sich eine Agraffe mit floraler Gestaltung. Über der Agraffe wiederum befindet sich das Symbol des sogenannten Allsehenden Auges, welches die Allgegenwart Gottes symbolisiert. [39] Zu beiden Seiten hin schließt die Ädikula mit jeweils einer Volute ab, die eine an eine Conche anmutende Ausarbeitung einrahmt. Das Motiv erinnert beispielsweise an den oberen Abschluss des Nebeneinganges der Kirche Sant'Andrea al Quirinale in Rom, die zwischen 1658 und 1661 von Bernini erbaut wurde. [40] Voluten wurden vor allem in der „Renaissance und dem Barock zur Vermittlung zwischen senkrechten und waagerechten Bauteilen angewandt“ [41].

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Neben den Voluten befindet sich wiederum jeweils eine stilisierte, zur Hälfte mit einem Tuch bedeckte Amphore mit Deckel. Ähnliches findet sich auch auf Pfeilern in Barockgärten. Die beiden kleineren Ädikulen sind im Vergleich zur mittleren Ädikula sehr schlicht. Sie weisen eine Inschriftenplatte mit dem Namen der Familie auf sowie einen schlichten Giebel, der von einer knienden Engelsfigur bekrönt wird. Eingerahmt wird der Bereich der Grabstellen zum einen durch die Rückwand bestehend aus einer großen sowie zwei kleinen Ädikulen und einem steinernen Zaun, und zum anderen mithilfe eines an zwei Voluten an die Rückwand anknüpfenden, niedrigen Metallzauns. Dieser wiederum wird durch kleine Pfeiler mit rundem Abschluss untergliedert. Im vorderen Bereich befinden sich rechts und links zwei Öffnungen, die Zutritt zu den Grabstellen ermöglichen. Stilistisch ähnlich aufgebaut sind beispielsweise die Pilaster des Casino Belrespiro in der Villa Doria Pamphili in Rom, auch wenn diese größer und feiner ausgearbeitet sind. [42] Während die Ädikula Elemente der Renaissance, des Barock sowie des Klassizismus vereint, orientierte sich der Bildhauer bei der Skulptur an einer Christusfigur Bertel Thorvaldsens (1770-1844). [43] Thorvaldsen fertigte die Christusstatue 1839 für die Liebfrauenkirche in Kopenhagen an und fand wiederum Inspiration in Peter von Cornelius' (1783-1867) Gemälde 'Die klugen und die törichten Jungfrauen'.

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Ein Symbol für die Friedhofskultur des 19. Jahrhunderts sind außerdem auch zwei Monumente im Bereich der östlichen Hauptachse, die Gefallenen der napoleonischen Kriege sowie des Deutschen Krieges 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871 gedenken. Das sogenannte Kriegerdenkmal für die napoleonischen Soldaten steht im Bereich der südlichen Wegekreuzung und zeigt einen auf einer Basis liegenden rechteckigen Inschriftenpfeiler, welcher mit einem Kapitell bekrönt ist. Auf diesem wiederum sitzt ein reliefierter Quader, der einen antikisierenden Helm samt Schwert trägt. [44] Während die Inschrift auf der Vorderseite auf den Grund und das Datum der Stiftung verweist, beinhalten die restlichen drei Inschriftentafeln die Namen der Stifter sowie der Gefallenen. [45]

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Im nördlichen Bereich der Hauptachse befindet sich das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Deutschen Krieges 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871, welches in seinem Grundriss die Form eines Kreuzes aufweist, ansonsten jedoch diverse antikisierende Elemente, wie beispielsweise einen Metopen- und Triglyphenfries, Akrotere und Voluten, beinhaltet. Gefertigt wurde es aus Sandstein anhand des Konzepts Anton Werres‘ (1830-1900), Hermann Weyers (1830-1899) und Jean Nothens. [46] Eine bronzene Inschriftentafel, die an antike Tropaia erinnert, verweist auf den Grund der Errichtung des Denkmals. Östlich des Denkmals erstreckt sich ein Gräberfeld für Gefallene des Ersten Weltkrieges sowie Opfer eines Fliegerangriffs während des Zweiten Weltkrieges. [47]

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Auch im Bereich der nördlichen Wegekreuzung befindet sich ein Denkmal, welches an die Gefallenen des Krieges 1866 erinnert. [48] Dieses zeichnet sich durch einen Inschriftensockel aus, welcher einen durch zwölf kannelierte Säulen gekennzeichneten Aufbau trägt. Ebendieser umschließt einen auf einem Sockel liegenden, bronzenen Helm, während er von einem Adler mit ausgebreiteten Flügeln bekrönt wird, der auf einem Obelisken sitzt. Das Denkmal in Tabernakelform wurde 1870 errichtet und von C. J. Goebel konzipiert. Es besteht aus Sandstein, während die Tafeln aus belgischem Granit gefertigt wurden. [49]

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Wie die obigen Ausführungen zeigen, ist die Grabmalkunst des 19. Jahrhunderts besonders symbolträchtig und vielfältig. Nicht nur antikisierende Motive, Bilder und Architekturelemente finden Eingang, sondern auch Elemente der mittelalterlich-christlichen Kultur. Vor allem jedoch wird deutlich, dass der Sinn und Zweck solcher Grabmäler war, den Verstorbenen zu ehren und sich als hinterbliebene Familie von anderen Kölner Bürgern abzuheben.

Anmerkungen

[1] Im Rahmen dieses Beitrags sollen insbesondere die Grabmäler des 19. Jahrhunderts betrachtet werden, um die Entwicklungsstränge der Grabmalkunst dieser Zeit zu verdeutlichen. Des Weiteren soll eine Verbindung geschlagen werden zwischen den hier thematisierten Grabbauten sowie denjenigen, die zu Wallrafs Lebzeiten entstanden sind. Zwar weisen sowohl der östliche Hauptweg als auch die Millionenallee sowie die anderen Querwege relevante Grabbauten auf, die im mittleren und späten 20. Jahrhundert entstanden sind. Diese jedoch sind in den meisten Fällen schlichter als die Bauten des 19. Jahrhunderts und zeugen von anderen gesellschaftlichen Werten und Modeerscheinungen in der Grabmalplastik.

[2] Ilona Priebe: Friedhof Melaten. Vom Leprosenhaus zur Millionenallee, 3. überarb. Aufl., Köln 2009, 5.

[3] Norbert Fischer: Zwischen Naturästhetik und Technokratie. Zur Sozialgeschichte von Friedhöfen und Krematorien in der Moderne, in: Dorle Dracklé (Hg.): Bilder vom Tod. Kulturwissenschaftliche Perspektiven, Münster / Hamburg / London 2001, 67-80, hier: 72.

[4] Priebe: Friedhof Melaten (wie Anm. 2), 10.

[5] Fischer: Naturästhetik (wie Anm. 3), 72.

[6] Josef Abt / Johannes Ralf Beines / Celia Körber-Leupold: Melaten. Kölner Gräber und Geschichte, Köln 1997, 175.

[7] Detlef Rick: Melaten. Gräber erzählen Stadtgeschichte, Köln 2006, 36, 239.

[8] Entworfen hat das Pförtnerhäuschen der Architekt Friedrich Carl Heimann, siehe Bilderbuch Köln, URL: http://www.bilderbuch-koeln.de/Denkmale/254 (17.02.2015); [Stadtkonservatorin der Stadt Köln]: Der Friedhof Melaten in Köln-Lindenthal. Ein kulturhistorischer Überblick, in: Jürgen Roters (Hg.): 200 Jahre Melaten. Festschrift und Veranstaltungsprogramm, Köln 2010, 6–11, hier: 7f. (Digitalisat Roters: Melaten); Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 21.

[9] Dagmar Hänel: Bestatter im 20. Jahrhundert. Zur kulturellen Bedeutung eines tabuisierten Berufs, Münster 2003, 234.

[10] Juliane Mohrland: Die Frau zwischen Narr und Tod. Untersuchungen zu einem Motiv der frühneuzeitlichen Bildpublizistik, Berlin 2013, 147.

[11] Edward Tripp: Reclams Lexikon der antiken Mythologie, 8. bibl. aktual. Aufl., Stuttgart 2012, 503; Mohrland: Frau (wie Anm. 10), 147.

[12] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 70.

[13] Georg Scheibelreiter: Heraldik, Wien 2006, 65. Die Urne dient als Ersatz für ein einstiges Porträt Gustav von Mevissens, vgl. Günter Leitner: Melaten, in: Ders.: Friedhöfe in Köln. Mitten im Leben, Köln 2003, 76-94, hier: 80.

[14] Paul Memmesheimer: Das klassizistische Grabmal. Eine Typologie, Bonn 1969, 127, 130.

[15] Elke Blumenthal: Das ägyptisierende Leipzig. Prolegomena zu einer Bestandsaufnahme, in: Thomas Glück / Ludwig Morenz (Hg.): Exotisch, Weisheitlich und Uralt. Europäische Konstruktionen Altägyptens, Hamburg 2007, 351–384, hier: 356.

[16] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 80.

[17] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 80.

[18] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 170. Gegossen wurde die Tür von Richard Rocholl. Die Kosten beliefen sich laut Siegert ohne die Gruft auf etwa 46.390 Reichsmark, vgl. H. Siegert: Denkmäler, in: Architekten- und Ingenieurverein für Niederrhein und Westfalen (Hg.): Köln und seine Bauten. Festschrift zur VIII. Wanderversammlung des Verbandes Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine in Köln, vom 12. bis 16. August 1888, Köln 1888, 336-350, hier: 347. (Digitalisat Architekten- und Ingenieurverein: Köln und seine Bauten)

[19] Fischer: Naturästhetik (wie Anm. 3), 72.

[20] Werden Münzbildnisse in größerer Form auf Wände übertragen (als Stuck oder Malerei), spricht man von Monumentalisierung. Weitere Formen der Übertragung von Münzbildnissen in andere Bereiche der Kunst sind die Nummatisierung, Miniaturisierung und Entnummatisierung, siehe Johannes Helmrath: Transformationen antiker Kaisermünzen in der Renaissance. Einige Thesen, in: Ulrike Peter / Bernhard Weisser (Hg.): Translatio nummorum. Römische Kaiser in der Renaissance. Akten des Internationalen Symposiums Berlin 16.-18.11.2011, Mainz 2013, 293–310, hier: 305-307.

[21] Walter Geis: „Mohr, Christian“, in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), 705-706. Online unter: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118935496.html (14.03.2017). 

[22] Christian August Vulpius: Die Vorzeit, oder Geschichte, Dichtung, Kunst und Literatur des Vor- und Mittelalters, Bd. 2, Erfurt 1818, 304. (Digitalisat Vulpius: Vorzeit)

[23] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 82.

[24] Alexander Nikopoulos: Das antike Rom. Geschichte, Kultur, Alltag, Mannheim 2004, 67.

[25] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 68.

[26] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 68.

[27] Fischer: Naturästhetik (wie Anm. 3), 72.

[28] Ralf Beines: Lexikon der Künstler und Kunsthandwerker nebst anführenden Firmen, in: Ders. / Walter Geis / Ulrich Krings (Hg.): Köln: Das Reiterdenkmal für König Friedrich Wilhelm III. von Preußen auf dem Heumarkt, Köln 2004, 250-301, hier: 287.

[29] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 224.

[30] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 224.

[31] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 224.

[32] Günter Leitner: Melaten, in: Ders.: Friedhöfe in Köln. Mitten im Leben, Köln 2003, 76-94, hier: 78.

[33] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 204.

[34] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 80.

[35] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 208.

[36] Wilfried Koch: Baustilkunde. Europäische Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart, München 1982, 417.

[37] Marco Bussagli: Rom und das Ideal des Barock – Architektur und Stadtplanung, in: Ders. (Hg.): Rom. Kunst & Architektur, Köln 1999, 494–519, hier: 505.

[38] Marco Bussagli: Die römische Skulptur von Stefano Moderno bis Alessandro Algardi, in: Ders. (Hg.): Rom. Kunst & Architektur, Köln 1999, 526–549, hier: 537.

[39] Konrad Hilpert: Menschenrechte und Theologie. Forschungsbeiträge zur ethischen Dimension der Menschenrechte, Freiburg / Wien 2001, 107.

[40] Bussagli: Barock (wie Anm. 37), 504.

[41] Koch: Baustilkunde (wie Anm. 36), 457.

[42] Marco Bussagli: Die römischen Gärten, in: Ders. (Hg.): Rom. Kunst & Architektur, Köln 1999, 520–525, hier: 525.

[43] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 208.

[44] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 83.

[45] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 24, 83. Die Genehmigung für die Errichtung wurde am 21. November 1843 erteilt, die Grundsteinlegung erfolgte erst am 6. Juni 1852, siehe Rick: Melaten (wie Anm. 7), 40.

[46] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 24.

[47] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 48.

[48] Johannes Ibach / Hermann Robert Jung: Der Friedhof zu Köln-Melaten, Nachdruck der Ausgabe Köln 1898, Köln 1985, 10.

[49] Abt / Beines / Körber-Leupold: Melaten (wie Anm. 6), 24.

Empfohlene Zitierweise
Lisa Jureczko, Der alte Hauptweg, aus: Gudrun Gersmann, Stefan Grohé (Hg.), Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) — Eine Spurensuche in Köln (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00001), in: mapublishing-lab, 2016,
URL: http://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/wallraf-in-koeln/melatenfriedhof/der-alte-hauptweg/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 06.10.2016
Zuletzt geändert: 06.10.2016