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Die Rezeption der Antikensammlung Wallrafs

Charlotte Pletz

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Bereits der im Jahr 1818 anonym erschienene Reiseführer „Köln und seine Merkwürdigkeiten für den Alterthums-Forscher und Kunstliebenden“ erwähnt Wallrafs Antikensammlung. [1] Auch in der Zeit nach Wallrafs Tod gehörte der Besuch der archäologischen Sammlung des Wallrafianums zum Pflichtprogramm jedes nach Köln Reisenden. Im Zentrum des Interesses standen dabei fast ausschließlich die Marmorantiken, während die vaterländischen Alterthümer zumeist übergangen wurden. Das Medusenhaupt galt lange Zeit als der Inbegriff von Wallrafs Kunstliebe und Sammelpassion. Hierzu trugen insbesondere Reiseberichte wie der Johanna Schopenhauers (1766-1838) bei. Im Rahmen ihres Berichtes „Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828“ schilderte sie den Giorgini-Ankaufals glücklichen Höhepunkt des greisen Sammlers, wobei die Medusa die Krone der Sammlung bildet.[2] In Anbetracht der großen Beliebtheit der Medusa verwundert es nicht, dass das Gorgonenhaupt als erstes Museumsobjekt der Stadt Köln im Jahr 1854 durch Joannes Franciscus Michiels (1823-1887) im „Album von Köln“ photographisch festgehalten wurde.

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Auf Vermittlung der Kölner Altertumsfreundin Sibylle Mertens-Schaaffhausen (1797-1857) erhielt Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) im Jahr 1830 eine maßstabsgetreue Zeichnung der Medusa Wallraf, die der Kölner Zeichenlehrer Johann Adam Heinrich Oedenthal (1791-1876) ein Jahr zuvor angefertigt hatte. [3] Diese Darstellung befindet sich noch heute im Weimarer Goethehaus. In einem Brief vom 16. Januar 1830 an Adele Schopenhauer (1797-1849) verglich Goethe die Medusa Wallraf mit der Medusa Rondanini. Dieses Bildwerk wurde von dem griechischen Bildhauer Phidias um 450 vor Christus geschaffen und entspricht dem klassisch-schönen Medusentypus. Durch seinen Vergleich rückte Goethe Wallrafs Medusenhaupt in die Nähe eines Kunstwerkes, von dem er in der „Italienischen Reise“ unter dem 29. Juli 1787 schrieb: „Nur einen Begriff zu haben, daß so etwas in der Welt ist, daß so etwas zu machen möglich war, macht einen zum doppelten Menschen.“ [4] Das Original im Palazzo Rondanini in Rom hatte Goethe wiederholt aufgesucht und sich auch um einen Gipsabguss bemüht. Im Jahr 1811 erwarb Kronprinz Ludwig von Bayern (1786-1868) das Original. Die Medusa Rondanini befindet sich noch heute in der Glyptothek in München. Goethe wünschte sich, einen Gips der Medusa Wallraf zu besitzen, den er neben den Abguss der Medusa Rondanini aufzustellen gedachte. Leider verstarb der Dichter, bevor sein Wunsch in die Tat umgesetzt werden konnte.

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Mit der Berliner Sammlung der Königlichen Museen befand sich der Gipsabguss der Wallrafschen Medusenmaske in einer der bedeutendsten Sammlungen Deutschlands. Anlässlich seines Besuches in Köln schrieb der Bildhauer Johann Gottfried Schadow (1764-1850) im Jahr 1837: „Unter den antiken Marmorfragmenten befindet sich jene merkwürdige Büste einer Medusa, von welcher unsere Akademie einen Abguss besitzt; Sie ist im Styl in den Gesichtszügen und im Ausdruck ganz verschieden von der wohlbekannten Medusamaske im Palaste Rondanini.“ [5] Auch das Königliche Museum der Gypsabgüsse zu Dresden, das Großherzogliche Museum zu Schwerin, das Museum der Gypsabgüsse der Wiener Akademie der Bildenden Künste und das Puschkin-Museum in Moskau nannten einen Gipsabguss der Medusa Wallraf ihr Eigen. [6] Angefertigt wurden diese Abgüsse durch die renommierte Frankfurter Formerei Markus Anton Vannis, die schon seit dem Jahr 1818 tätig war.

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Die überwiegend positive Einschätzung der Antiken Wallrafs änderte sich in den nächsten Jahren, da es sich bei den „Marmi Giorgini“ nicht um Originale handelte. [7] Während die Marmorobjekte im Jahr 1861 im neueröffneten Museumsgebäude an der Rechtsschule noch eine bevorzugte Aufstellung im Westtrakt des Erdgeschosses einnahmen, wurden sie im Zuge des Ausbaus und der Neukonzeption des Museums unter Carl Aldenhoven (1842-1907) in den oberen Kreuzgang verlegt. [8] In der von Fritz Fremersdorf (1894-1983) neu konzipierten Aufstellung als Dokumentation des römischen Köln in den Jahren 1924 und 1932 wurden sie nicht berücksichtigt. Infolgedessen unterblieb ihre Auslagerung während des Zweiten Weltkrieges und nahezu alle Objekte, die nicht vorher schon verkauft wurden, fielen mit Ausnahme der nur teilbeschädigten Medusa den Bombenangriffen zum Opfer. [9]

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Auch einige Zeitgenossen fanden Grund zur Kritik an Wallrafs Sammelpraxis. Goethe beklagte im Jahr 1815 in einem Brief an den preußischen Staatsminister Kaspar Friedrich Freiherr von Schuckmann (1755-1834) die geringschätzige Aufstellung der Objekte:

„Der chaotische Zustand ist nicht denkbar, in welchem die kostbarsten Gegenstände der Natur, der Kunst und des Alterthums über einander stehen, liegen, hängen und sich durcheinander umhertreiben. Wie ein Drache bewahrt er diese Schätze, ohne zu fühlen, daß Tag für Tag etwas Treffliches und Würdiges durch Staub und Moder, durch Schieben, Reiben und Stoßen einen großen Theil seines Werths verliert.“ [10]

Im Jahr 1819 nahm der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1770-1844) Wallrafs Antikensammlung in Augenschein und beanstandete ihre Ergänzungen. Auch Sulpiz Boisserée (1783-1854) vertraute eine ähnliche Kritik im Jahr 1819 seinem Tagebuch an: „Medusakopf brav – aber gewaltig restauriert. Gegenstück im päpstlichen Museum. Jupiter Ammon mit neuer Nase, abscheuliche Steinhauerarbeit und Fratze; das halten sie für was.“ [11]

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Zur Zeit von Wallrafs Sammeltätigkeit begannen sich die Anforderungen an Antikensammlungen zu wandeln. Generationen jüngerer Sammler bevorzugten Originalwerke in nichtrestauriertem Zustand. Trotz der an der Sammlung Wallraf geäußerten Kritik war die Stiftung seiner Sammlung an die Vaterstadt zukunftsweisend: Sie legte den Grundstein für ein bürgerliches Museumswesen in Köln.

Anmerkungen

[1] Cornelius Steckner: Kölner Sammlungen in Reisehandbüchern, in: Hiltrud Kier / Frank Günter Zehnder (Hg.): Lust und Verlust. Kölner Sammler zwischen Trikolore und Preußenadler, Köln 1995, 169-178, hier: 170.

[2] Peter Noelke: Im Banne der Medusa – Die Antikensammlung Ferdinand Franz Wallrafs und ihre Rezeption, in: Kölner Jahrbuch 26 (1993), 133-216, hier: 150.

[3] Peter Noelke: Die Archäologischen Sammlungen des Wallrafianums (Tafel 1-15), in: Johann Peter Weyer: Kölner Alterthümer. Kommentarband, hrsg. von Werner Schäfke unter Mitarbeit von Ulrich Bock, Köln 1994, 293-308, hier: 294.

[4] Johann Wolfgang von Goethe: Italiänische Reise, in: Goethes Werke, hrsg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachen, Band 32, Weimar 1906, 39. (Digitalisat Italiänische Reise) Siehe auch: Noelke: Medusa (wie Anm. 2), 151.

[5] Zitiert nach: Noelke: Medusa (wie Anm. 2), 154.

[6] Noelke: Medusa (wie Anm. 2), 155.

[7] Noelke: Archäologische Sammlungen (wie Anm. 3), 294. Siehe auch Heinrich Düntzer: Katalog des Museums Wallraf-Richartz in Köln. Verzeichnis der Römischen Alterthümer, Köln 1869, 6, Nr.8 Büste des Kaisers Vitellius.

[8] Noelke: Archäologische Sammlungen (wie Anm. 3), 294.

[9] Noelke: Archäologische Sammlungen (wie Anm. 3), 294.

[10] Goethe an Kaspar Friedrich von Schuckmann, Weimar, 4. November 1815, in: Goethes Werke, hrsg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachen, IV. Abt., Goethes Briefe, Band 26, Weimar 1902, 133. (Digitalisat Goethes Werke)

[11] Zitiert nach: Noelke: Medusa (wie Anm. 2), 141.

Empfohlene Zitierweise
Charlotte Pletz, Die Rezeption der Antikensammlung Wallrafs, aus: Gudrun Gersmann, Stefan Grohé (Hg.), Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) — Eine Spurensuche in Köln (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00001), in: mapublishing-lab, 2017,
URL: http://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/sammeln-um-1800/die-wallrafsche-antikensammlung/rezeption-der-antikensammlung-wallrafs/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 14.03.2017
Zuletzt geändert: 17.03.2017