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Ereignisgeschichte der französischen Zeit 1794-1814

Markus Jansen

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A la voix du vainqueur d’Austerlitz l’empire d’Allemagne tombe“ [1]

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Zwanzig Jahre lang standen Köln und die deutschen Gebiete westlich des Rheins unter französischer Herrschaft. Die Hauptereignisse dieser Zeit vom Ausgreifen der Französischen Revolution bis zur Schlacht von Waterloo werden im Folgenden skizziert, um einen historischen Rahmen für die Aktivitäten Wallrafs und der Stadt Köln in jener Zeit zu schaffen.

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Ab 1789 stürzte die Revolution Frankreich in einen Strudel politischer und sozialer Umwälzungen. Die Totalität mit der sie die alte Ordnung Europas in Frage stellte, ließ einen Krieg unausweichlich werden. [2] Drei Jahre nach dem Ausbruch der Revolution drangen französische Truppen an den Rhein vor und eroberten 1792 Speyer, Mainz und Frankfurt. Anfangs noch ein „Kreuzzug für die Freiheit der Welt“ [3], unterschieden sich die ersten Feldzüge im Kielwasser der Revolution von vorherigen Erbfolge- oder Eroberungskriegen. So wurde etwa den eroberten Mainzern die Wahl ihrer Regierungsform freigestellt, Ähnliches geschah auch in Savoyen und Belgien. [4] Doch diese messianische Komponente überdauerte nicht lange, bereits das Pariser Dekret vom 15. Dezember 1792 markierte die Wende „von der universalistisch-liberalen Befreiungsabsicht […] hin zu einer vor allem an nationalen Interessen orientierten Eroberungs- und Besatzungspolitik.“ [5] Kurz darauf wurde der Rhein zur 'natürlichen Ostgrenze' Frankreichs proklamiert. [6]

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Die linksrheinischen Départements

Grafik: ©Wikimedia Commons, Ziegelbrenner, CC BY-SA 3.0

Während des sogenannten Ersten Koalitionskrieges 1792-1797 konnten Reichstruppen die Franzosen stellenweise zwar vom linken Rheinufer verdrängen, doch als die Nationalversammlung im August 1793 den Krieg per Levée en masse zu einem in diesen Ausmaßen bisher nie dagewesenen National- bzw. Volkskrieg umwandelte, wendete sich das Blatt. Quantitativ wie qualitativ überlegen zeigten sich die französischen Truppen rasch im Vorteil, auch da sie auf eine ganze Reihe fähiger Generäle bauen konnten, unter ihnen ein junger Korse namens Napoleon Bonaparte. 1794 kam das gesamte Gebiet westlich des Rheins von Kleve bis Koblenz in französische Hand und am 6. Oktober besetzten die französischen Truppen Köln. Im April 1795 zog sich Preußen im Frieden von Basel separat und einer Flucht gleichkommend aus dem Krieg zurück. Österreich erlitt in Oberitalien gegen Napoleon schwere Niederlagen und unterzeichnete im Oktober 1797 den Frieden von Campo Formio, in dem es die linksrheinischen Gebiete des Reiches Frankreich zuschlug, obwohl es rechtlich nicht dazu befähigt war. [7] Im November 1797 wurde der Elsässer Franz Josef Rudler (1757-1837) zum Kommissar für das besetzte Rheinland ernannt. Er gliederte das Gebiet in die vier Départements de la Roer, de la Sarre, Mont Tonnerre und Rhin et Moselle mit den jeweiligen Hauptstädten Aachen, Trier, Mainz und Koblenz. [8] Darüber hinaus markierten die italienischen Kriege den Moment, in dem Napoleon als fähiger General in Erscheinung trat. [9]

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Für die endgültige Regelung des Friedens war der Rastatter Kongress vorgesehen. Dieser tagte von 1797 bis 1799, wurde jedoch nach Ausbruch des Zweiten Koalitionskrieges ergebnislos abgebrochen. England, Russland und Österreich zogen erneut gegen Frankreich. Napoleon war als Sohn und Erbe der Revolution mittlerweile zu dessen erstem Konsul emporgestiegen. Der Krieg endete besonders für Österreich und das Reich nach der Niederlage bei Marengo fatal, da der Friedensvertag von Lunéville vom 9. Februar 1801 [10], diesmal auch für das Gesamtreich bindend, die Abtretung des Linksrheinischen an Frankreich offiziell machte. Für die hier entstandenen Gebietsverluste sollten die betroffenen Staaten wie Österreich, Preußen und Bayern durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 [11] entschädigt werden. Durch den Beschluss wurden 112 Reichsstände mediatisiert und fast alle geistlichen Fürstentümer aufgeboben, 1805 folgten auch die Reichsritterschaften. [12] Ein Großteil der nun aufgehobenen kleineren Herrschaften und Reichsstädte hatte zu den loyalsten Säulen des Alten Reiches gehört. Der „territoriale Egoismus“ [13] der mächtigen Reichsfürsten war ein erster Schritt zur Auflösung des Reiches. Ein zweiter war die Selbstkrönung Napoleons zum Empereur des Français im Dezember 1804. Sein Anspruch auf das Kaisertum demonstrierte, „daß die Tage des Heiligen Römische Reichs Deutscher Nation gezählt sein mussten“ [14], unter dieser Perspektive ist auch die Proklamation des Kaisertums Österreich am 11. August 1804 durch den da noch römisch-deutschen Kaiser Franz II. (1768-1835) zu sehen. Im Jahr 1805 brach der Dritte Koalitionskrieg aus, der einerseits seinen Höhepunkt im Sieg Napoleons in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 fand, andererseits aber auch durch die Vernichtung der französischen Flotte in der Schlacht bei Trafalgar jegliche Pläne einer Invasion Englands beendete. Das Folgejahr brachte nun endgültig das Ende des Alten Reiches. Nachdem am 12. Juli 1806 16 Reichsstände durch die Unterzeichnung der Rheinbundakte [15] aus dem Reich austraten, legte Franz II. am 6. August 1806 die römische Kaiserkrone nieder und besiegelte so das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Mußgnug resümiert: „Das Reich war in den Augen der Zeitgenossen nicht am Rheinbund zerbrochen. Es war wegen seiner Unfähigkeit untergegangen, sich der veränderten politischen Lage in Europa und dem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wandel der neuen Zeit anzupassen.“ [16]

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Der Rheinbund 1812

Grafik: ©Wikimedia Commons, Ziegelbrenner, CC BY-SA 3.0

Der Rheinbund war eine Konföderation deutscher Staaten, dessen Schutz- und Garantiemacht Frankreich war. Unter seinen Mitgliedern befanden sich die Königreiche Bayern, Württemberg und Sachsen, das Großherzogtum Baden und die „napoleonischen Kunststaaten“ [17] der Großherzogtümer Berg, Frankfurt und Würzburg sowie des Königreichs Westphalen. Bereits bei seiner Gründung war der Bund auf den Beitritt anderer Fürsten ausgelegt und so erfolgte seine schrittweise Erweiterung bis er 1808 „eigentlich […] ein Rhein-Elbe-Donaubund“ [18] war. Bis auf Österreich, Preußen, Schwedisch-Pommern und Dänisch-Holstein umfasste er alle 39 deutschen Staaten. Der Austritt aus dem Reich, die weitreichenden Territorialgewinne und der Aufstieg in der Adelshierarchie, gerade im Falle der neuen Königreiche Bayern, Württemberg und Sachsen, bedeutete zugleich eine Unterordnung unter die Interessen Frankreichs. Napoleon sicherte sich einen weiten Interventionsspielraum und zwang die Staaten dieses dritten Deutschlands (neben den beiden führenden deutschen Großmächten Preußen und Österreich) in ein Kriegsbündnis mit Frankreich. Der Bund hatte gegen Ende ein Kontingent von 120.682 Mann [19] zu stellen. Obgleich der Rheinbund nie formell aufgelöst wurde, begann sein Ende mit dem Austritt Bayerns am Vorabend der Völkerschlacht. Auch wenn der Bund in vielerlei Hinsicht der Moderne ihren Weg brach [20], wertet Nipperdey ihn „primär [als] ein System der Ausbeutung und Unterdrückung.“ [21]

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Doch auch während dieser Zeit gingen die Kriege weiter. „Solange Napoleon siegte, blieben seine Friedensverträge nur Interimslösungen, siegte er nicht mehr, war seine Herrschaft in Frage gestellt. Sein Empire lebte von rastloser Expansion.“ [22] Auch der Kaiser selbst soll dies in einem Gespräch mit dem österreichischen Staatskanzler Metternich (1773-1859) unterstrichen haben: „Eure Herrscher, geboren auf dem Throne, können sich zwanzig mal schlagen lassen, und doch immer wieder in ihre Residenzen zurückkehren; das kann ich nicht, ich, der Sohn des Glücks. Meine Herrschaft überdauert den Tag nicht, an dem ich aufgehört habe, stark und folglich gefürchtet zu sein.“ [23] Ähnlich drückt es einer seiner berühmten Aussprüche aus: „Au dedans et au dehors, je ne règne que par la crainte que j'inspire.“ [24]

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Im Vierten Koalitionskrieg 1806-1807 erlitt Preußen eine vernichtende Niederlage bei Jena und Auerstedt, nur fünf Tage nachdem es Frankreich den Krieg erklärt hatte. Der anschließende Frieden bedeutet sein vorläufiges Ausscheiden als Großmacht. Von den deutschen Staaten blieb nunmehr allein Österreich weitgehend unabhängig. [25] Ebenfalls ab 1806 versuchte Napoleon sein System der Kontinentalsperre gegen England durchzusetzen, ein, in Nipperdeys Worten, „Schritt zum totalen Krieg“ [26]. Zwar gelang es ihm 1809 noch einmal, Österreich im Fünften Koalitionskrieg stark zu schwächen, doch sein Wirtschaftskrieg gegen England ließ die gewünschte Effektivität vermissen. Im Dezember 1810 annektierte Napoleon Holland, die norddeutsche Küste und die ehemaligen Hansestädte, um die Kontinentalsperre wirksamer durchzusetzen, dadurch wurde ein Krieg mit Russland unausweichlich. So brach die Grande Armée 1812 nach Russland auf und verlor dort etwa 380.000 ihrer 600.000 Soldaten. [27] Napoleon floh nach Paris und in Europa entstand zwischen Februar und Oktober 1813 ein neues Bündnis, dem Russland, Österreich, Preußen, Bayern, England, Schweden, Spanien und Portugal beitraten. Diese Sechste Koalition schlug Napoleon am 16. Oktober 1813 bei Leipzig in der „bis dahin größten Schlacht der Weltgeschichte“ [28] vernichtend. Im März 1814 marschierten alliierte Truppen in Paris ein und Napoleon dankte ab. Auch Köln und das Rheinland wurden Anfang 1814 von preußischen, österreichischen und russischen Truppen besetzt.

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Die Ordnung des nachrevolutionären und nachnapoleonischen Europas sollte auf dem Wiener Kongress 1814-1815 entschieden werden. Frankreich wurde auf seine Grenzen von 1792 reduziert und blieb Großmacht, die Kunststaaten wurden aufgelöst, während die Mittelstaaten bestehen blieben, die staatliche Organisation der deutschen Lande wurde im Deutschen Bund zusammengefasst und Preußens politischer Schwerpunkt wurde mit dem Erwerb des Rheinlands nach Deutschland hinein verlegt. [29] Unterbrochen wurde der Kongress durch Napoleons Rückkehr nach Frankreich und seine 'Herrschaft der Hundert Tage', die nach der Niederlage bei Waterloo am 18. Juni 1815 ihr Ende fand. Die Wiener Neuordnung sollte bis zu den italienischen und deutschen Einigungskriegen Bestand haben. Dennoch gab die Herrschaft Napoleons den Gedanken und so manchen Neuerungen der Revolution Zeit, sich in den Köpfen der Menschen festzusetzen und so den Sturz des Kaisers zu überleben. Sie verlieh der Revolution Dauer. [30]

Anmerkungen

[1] Inschrift des Arc du Carousel, Paris, um 1809, die angeblich auf einen Entwurf Napoleons zurückgeht, zitiert nach Reinhard Mußgnug: Der Rheinbund, in: Der Staat. Zeitschrift für Staatslehre und Verfassungsgeschichte, deutsches und europäisches öffentliches Recht 46 (2007), 249-267, hier: 258.

[2] Vgl. Horst Möller: Fürstenstaat oder Bürgernation. Deutschland 1763-1815, Berlin 1989, 532.

[3] Ausspruch des französischen Jakobiners Jacques Pierre Brissot, zitiert nach Möller: Fürstenstaat (wie Anm. 2), 543.

[4] Vgl. Möller: Fürstenstaat (wie Anm. 2), 532. Die Polarität der Rezeption der Franzosenzeit zwischen Befreiung und Fremdherrschaft behandelt exemplarisch Franz Dumont: Befreiung oder Fremdherrschaft? Zur französischen Besatzungspolitik am Rhein im Zeitalter der Revolution, in: Peter Hüttenberger / Hansgeorg Molitor (Hg.): Franzosen und Deutsche am Rhein 1789-1918-1945, Essen 1989, 91-112.

[5] Dumont: Befreiung (wie Anm. 4), 100.

[6] Vgl. Dumont: Befreiung (wie Anm. 4), 97.

[7] Vgl. Möller: Fürstenstaat (wie Anm. 2), 540-542. Text des Friedensvertrages von Campo Formio bei Peter Hersche (Bearb.): Napoleonische Friedensverträge. 2. neubearb. Aufl., Bern 1973, 9-18.

[8] Vgl. Nathalie Damesme: Öffentliche Schulverwaltung in der Stadt Köln von 1794-1814 , Köln / Weimar / Wien 2003, 20.

[9] Vgl. David P. Jordan: Napoleon and the Revolution, Basingstoke 2012, 8f.

[10] Text des Friedensvertrages von Lunéville bei Hersche: Friedensverträge (wie Anm. 7), 19-25.

[11] Text des Reichsdeputationshauptschlusses in: Ernst Walder: Das Ende des Alten Reichs. Der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 und die Rheinbundakte von 1806 nebst zugehörigen Aktenstücken, 2. durchges. Aufl. Bern 1962, 15-62.

[12] Vgl. Möller: Fürstenstaat (wie Anm. 2), 578-580.

[13] Möller: Fürstenstaat (wie Anm. 2), 586.

[14] Möller: Fürstenstaat (wie Anm. 2), 570.

[15] Text der Rheinbundakte in Walder: Ende des Alten Reichs (wie Anm. 11), 68-80.

[16] Mußgnug: Rheinbund (wie Anm. 1), 264.

[17] Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat, München 1994, 18.

[18] Nipperdey: Deutsche Geschichte (wie Anm. 17), 19.

[19] Vgl. Mußgnug: Rheinbund (wie Anm. 1), 255; Möller: Fürstenstaat (wie Anm. 2), 588.

[20] Vgl. Mußgnug: Rheinbund (wie Anm. 1), 267.

[21] Nipperdey: Deutsche Geschichte (wie Anm. 17), 19.

[22] Möller: Fürstenstaat (wie Anm. 2), 557.

[23] Napoleon zu Metternich im Juni 1813, zitiert nach Möller: Fürstenstaat (wie Anm. 2), 645.

[24] Jean-Antoine Chaptal: Mes souvenirs sur Napoléon, Paris 1893, 219.

[25] Vgl. Nipperdey: Deutsche Geschichte (wie Anm. 17), 16.

[26] Nipperdey: Deutsche Geschichte (wie Anm. 17), 17.

[27] Vgl. Möller: Deutschland (wie Anm. 2), 637.

[28] Möller: Deutschland (wie Anm. 2), 641.

[29] Vgl. Nipperdey: Deutsche Geschichte (wie Anm. 17), 87-101.

[30] Vgl. Jordan: Napoleon (wie Anm. 9), 10 und 284-288.

Empfohlene Zitierweise
Markus Jansen, Ereignisgeschichte der französischen Zeit 1794-1814, aus: Gudrun Gersmann, Stefan Grohé (Hg.), Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) — Eine Spurensuche in Köln (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00001), in: mapublishing-lab, 2016,
URL: http://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/wallraf-in-koeln/historischer-kontext/ereignisgeschichte-der-franzoesischen-zeit/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 06.10.2016
Zuletzt geändert: 13.12.2016