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Die Kölner Zentralschule 1798-1804

Markus Jansen

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Als das Rheinland und Köln nach dem Friedenschluss von Campo Formio im Oktober 1797 an Frankreich gefallen waren, wurde auch das französische Bildungssystem schrittweise in den neuen Départements eingeführt. Da dieses keine Universitäten, sondern nur Zentral- und Spezialschulen vorsah, waren alle 22 innerfranzösischen Universitäten bereits aufgehoben worden. Auch die rheinischen Universitäten in Köln, Bonn und Mainz traf nun dieses Schicksal. Der französische Regierungskommissar für die rheinischen Gebiete François Joseph Rudler (1757-1837) verkündete am 28. April 1798 die Neuordnung des Schulwesens in den Rheindépartements nach dem französischen Schulgesetz. [1] Das sogenannte Rudler- oder Floréaldekret [2] löste die alte Universität und ihre Bursen auf und etablierte ein dreigeteiltes Schulsystem. Als erste Bildungsstufe fungierte die Primär- oder Volksschule, hier vollzogen sich die wenigsten Änderungen. [3] Auf mittlerer Bildungsstufe folgten die Zentralschulen, nach Forschermeinungen ein „Mittelding zwischen höherer Schule und Universität“ [4], „dem man kein deutsches Gegenstück vergleichend gegenüberstellen kann.“ [5] Sie war in drei Abteilungen untergliedert: Die erste umfasste die Lehrstühle für Zeichnen, Naturkunde, Alte Sprachen und Französisch, die zweite die Lehrstühle für Sittenlehre, Mathematik, Chemie und Physik und die dritte Abteilung die Lehrstühle für Schöne Wissenschaften, Geschichte & Gesetzgebung. In Köln kam noch ein Lehrstuhl für Geburtshilfe hinzu. Die oberste Schulform stellten die Spezialschulen dar. Diese gab es in Köln nicht, da eine geplante juristische Spezialschule nie eingerichtet wurde.

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Innerhalb eines Départements gab es mehrere Primärschulen, jedoch nur eine Zentralschule. Die Zentralschule des Département de la Roer wurde in Köln, obgleich nicht dessen Hauptort, eingerichtet. Die Zentralschule des Département du Mont-Tonnerre kam nach Mainz, die des Département de la Sarre nach Trier und die des Département de Rhin-et-Moselle nach Bonn.

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In Köln verzögerte sich die Implementierung der neuen Ordnung. Am 1. November 1798 verfasste Regierungskommissar Rudler den Beschluss zur Organisation der neuen Zentralschule, [6] die am 21. November im ehemaligen Jesuitenkolleg nördlich des Doms eröffnet wurde. Ihren Lehrbetrieb nahm sie am 20. Januar 1799 auf. Rudler ernannte hierfür elf Professoren. Entgegen der Forderungen der revolutionären Kölner Kreise, unter anderem auch des letzten Universitätsrektors Paul Best (1753-1806), wurde auch der Eidverweigerer Wallraf an die neue Zentralschule berufen. Pabst berichtet, dass Wallraf seine Ernennung persönlich dem Sekretär des Regierungskommissars angetragen haben soll. [7] So erhielt er die Professur für Geschichte, wechselte aber am 28. Oktober 1799 auf den Lehrstuhl für Schöne Künste. Wallrafs Geschichtsunterricht umfasste im Jahr 1799 geographische Grundlagen und die „bürgerlichen und religiösen Institutionen aller wichtigen Völker“. [8] 1800 las er über Stil sowie poetische und dramatische Kunst, illustriert durch seine eigene Sammlung. [9] Der berühmteste Professor der Kölner Zentralschule war Friedrich Schlegel (1772-1829). Schlegel zählte zum Freundeskreis Wallrafs und unterrichtete Literaturgeschichte an der Zentralschule, jedoch nur in den letzten Monaten ihres Bestehens von Juni bis September 1804. [10]

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Eine bedeutende Neuerung der Zentralschule war die Tatsache, dass die Lehrenden erstmals staatlich besoldet wurden. Die 2.000 Francs Jahresgehalt und 500 Francs Wohngeld stellten gerade für den stets von Finanzsorgen geplagten Wallraf eine wichtige Einnahmequelle dar. Neu war auch, dass die Vorlesungen öffentlich waren, kostenfrei besucht werden konnten und keinen Vorbildungsnachweis erforderten. Zwar mussten die Lehrenden ihr Vorlesungsprogramm mit der Hochschulleitung abstimmen, dies war jedoch die einzige Einschränkung einer ansonsten sehr freien Unterrichtsgestaltung. [11] Obwohl es den gesetzlichen Vorschriften widersprach, war die Vorlesungssprache Deutsch, die Kölner Zentralschule fungierte so als Brücke zwischen deutscher und französischer Wissenschaft. [12] Obgleich Köln keine Universität im eigentlichen Sinne mehr hatte, lässt sich die Zeit bis 1804 durchaus noch zur akademischen Tradition der Stadt zählen. Dies spiegelt sich auch im Selbstbewusstsein der Zentralschule wider, die sich als Université de Cologne organisée en école centrale [13] titulierte.

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Die wissenschaftlichen Einrichtungen der Zentralschule umfassten eine Bibliothek mit festangestelltem Bibliothekar, einen botanischen Garten, ein Chemielabor sowie umfangreiche mathematische, physikalische und mineralogische Sammlungen. [14] All diese Einrichtungen bestanden nach Ende der Zentralschule an den beiden Sekundärschulen fort. Der Unterhalt für die Zentralschulen wurde durch die Départements aufgebracht. In Köln kamen als besondere Geldtöpfe noch der Studienfonds der Alten Universität und das Stiftungsvermögen der Gymnasien hinzu.

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1800/01

1801/02

1802/03

1803/04

Schöne Künste

35

20

31

32

Philosophie

17

11

k.A.

17

Naturkunde

7

11

19

26

Mathematik

21

33

50

25

Physik

35

32

50

25

Gesetzgebung

8

54

25

32

Alte Sprachen

9

16

8

k.A.

Französisch

65

51

40

47

Klinische Fächer

20

k.A.

43

27

Geburtshilfe

k.A.

23

25

20

Geschichte

k.A.

19

k.A.

7

Geographie

k.A.

k.A.

10

k.A.

Grammatik

k.A.

k.A.

19

k.A.

Schülerzahlen der Zentralschule von 1800-1804 nach Damesme: Schulverwaltung (wie Anm. 1), 79.

Angesichts der oben aufgeführten Schülerzahlen der Zentralschule leitet Damesme ab, dass die neue Schulform in Köln gut angenommen worden sei. [15] Vergleicht man die Schülerzahl jedoch mit der kolportierten Zahl von 700 bis 800 Studenten in den letzten Jahren der alten Universität [16], ist ein deutlicher Rückgang erkennbar. So ist auch Pabst der Meinung, dass die Zentralschule „nie das Ansehen und die Tradition der alten Universität erreichen“ [17] konnte. Höroldt bezeichnet sie hingegen als ein „beachtliches geistiges Zentrum“. [18]

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Dessen ungeachtet waren die Tage der Zentralschule bald gezählt. Im Zuge der Zentralisierung des Bildungssystems unter der Herrschaft Napoleons wurde sie gut fünfeinhalb Jahre nach ihrer Eröffnung am 17. September 1804 geschlossen. In dem neuen viergliedrigen Bildungssystem aus Primärschulen, Sekundärschulen, Lycées und Spezialschulen blieb die Zentralschule ohne wirklichen Nachfolger. So markierte der 17. September des Jahres 1804 für über 100 Jahre das Ende der akademischen Tradition Kölns. Erst 1919 wurde unter Oberbürgermeister Konrad Adenauer (1876-1967) die neue Universität zu Köln ins Leben gerufen.

Anmerkungen

[1] Zur Entwicklung des Schulsystems in Frankreich in Folge der Revolution vgl. Nathalie Damesme: Öffentliche Schulverwaltung in der Stadt Köln von 1794-1814, Köln / Weimar / Wien 2003, 11-17.

[2] Deutsche Fassung in Franz Joseph von Bianco: Versuch einer Geschichte der ehemaligen Universität und der Gymnasien der Stadt Köln, so wie der an diese Lehr-Anstalten geknüpften Studien-Stiftungen von ihrem Ursprung bis auf die neuesten Zeiten in zwei Theilen, Köln 1833, 531-536.

[3] Vgl. Klaus Pabst: Das Ende der freien Reichsstadt Köln. Gesellschaftliche und bildungspolitische Umbrüche in der Franzosenzeit, in: Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds (Hg.): Bildung stiften, Köln 2000, 40-57, hier: 50.

[4] Dietrich Höroldt: Die Rivalität der Universitätsstädte Köln und Bonn, in: Hans Blum (Hg.): Aus kölnischer und rheinischer Geschichte. Festgabe Arnold Güttsches zum 65. Geburtstag gewidmet, Köln 1969, 189-214, hier: 193.

[5] Klaus Pabst: Der Kölner Universitätsgedanke zwischen Französischer Revolution und Preußischer Reaktion (1794-1818), in: Bernd Heimbüchel / Ders. (Hg.): Kölner Universitätsgeschichte, Bd. 2: Das 19. und 20. Jahrhundert, Köln / Wien 1988, 1-99, hier: 42.

[6] Vgl. Damesme: Schulverwaltung (wie Anm. 1), 42.

[7] Vgl. Pabst: Kölner Universitätsgedanke (wie Anm. 5), 19.

[8] Damesme: Schulverwaltung (wie Anm. 1), 75.

[9] Vgl. Damesme: Schulverwaltung (wie Anm. 1), 75f.; Pabst: Kölner Universitätsgedanke (wie Anm. 5), 29.

[10] Vgl. Pabst: Kölner Universitätsgedanke (wie Anm. 5), 25.

[11] Vgl. Damesme: Schulverwaltung (wie Anm. 1), 77f.

[12] Vgl. Pabst: Kölner Universitätsgedanke (wie Anm. 5), 31.

[13] Vgl. Pabst: Reichsstadt (wie Anm. 3), 53.

[14] Vgl. Klaus Müller: Köln von der französischen zur preußischen Herrschaft. 1794-1815, Köln 2005, 316-319; Damesme: Schulverwaltung (wie Anm. 1), 81-87.

[15] Vgl. Damesme: Schulverwaltung (wie Anm. 1), 79.

[16] Vgl. Müller: Köln (wie Anm. 14), 325.

[17] Pabst: Reichsstadt (wie Anm. 3), 52.

[18] Höroldt: Rivalität (wie Anm. 4), 194.

Empfohlene Zitierweise
Markus Jansen, Die Kölner Zentralschule 1798-1804, aus: Gudrun Gersmann, Stefan Grohé (Hg.), Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) — Eine Spurensuche in Köln (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00001), in: mapublishing-lab, 2016,
URL: http://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/wallraf-in-koeln/bildungswesen-im-umbruch/die-koelner-zentralschule-1798-1804/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 06.10.2016
Zuletzt geändert: 06.10.2016