Wallraf-Rezeption im urbanen Raum – Auswertung

Vanessa Skowronek

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In einem Aufsatz aus dem Jahr 2008 bedauert Götz Czymmek, dass „die Bedeutung Ferdinand Franz Wallrafs in keinem Verhältnis zu Anzahl und Qualität der überlieferten Porträts und Denkmäler seiner Person“ [1] stehe. Dieser Auffassung soll in Hinblick auf die Denkmäler nachgegangen werden. Der Denkmalbegriff ist in seiner Gänze schwerlich zu fassen und eine Begriffsdiskussion würde an dieser Stelle nicht zielführend sein. Denn gerade die Weite des Begriffs soll genutzt werden, um alle „Erinnerungszeichen“ Wallrafs im städtischen Raum mit in die Auswertung einbeziehen zu können. In ihrer grundlegenden Funktion eint sie die Erinnerung bzw. das Gedenken an die Person, das Leben oder das Wirken Wallrafs. Es gibt also einen „gewollten Erinnerungswert“ [2], der im weitesten Sinne als „Denkmal“ verstanden werden kann. Als „Denkmal im ältesten und ursprünglichen Sinn“ wird hier nach Alois Riegl „ein Werk von Menschenhand, errichtet zu dem bestimmten Zweck, um einzelne menschliche Taten oder Geschicke im Bewußtsein der nachlebenden Generation stets gegenwärtig und lebendig zu erhalten“ [3] aufgefasst.

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Als zu behandelnde Aspekte ergeben sich damit die Wallrafstatue „An der Rechtsschule“, das Relief auf dem Reiterdenkmal für Friedrich Wilhelm III. (1770-1840), die Figur am Ratsturm sowie das (nicht mehr existente) Grabdenkmal Wallrafs und Richartz‘. Auch der Wallrafplatz findet Berücksichtigung.

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Das 1995 vollendete Figurenprogramm des Ratsturms beinhaltet das jüngste Beispiel der Rezeption Wallrafs in Köln. Fünf Jahre dauerte es, bis eine Liste mit 124 abbildungswürdigen Persönlichkeiten verabschiedet werden konnte, darunter 83 um die Stadt verdiente Persönlichkeiten [4]bei einer berücksichtigten Zeitspanne von knapp 2.000 Jahren Stadtgeschichte eine verhältnismäßig niedrige Zahl. Wallrafs Name stand jedoch (zumindest den Listen zufolge) nie außer Frage, [5] ein Umstand, der die immense Bedeutung seiner Person für Köln auch in jüngster Zeit verdeutlicht. Ein Rückschluss über seinen Platz an der – im Vergleich zur dem Alter Markt zugewandten Ostseite – weniger publikumswirksamen Nordseite kann nicht gezogen werden. Die Anbringung der Figuren folgt einer chronologischen Aufreihung. [6]

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Eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt die Abbildung Wallrafs auf einem Sockelrelief des Reiterdenkmals für Friedrich Wilhelm III., das 1878 enthüllt wurde. Die Relieftafeln sollten den Aufschwung des Rheinlandes in verschiedenen Bereichen seit Beginn der Preußenzeit aufzeigen. [7] Wallrafs Wirken scheint für eine Verewigung seiner Person zwischen den wichtigsten Funktionären seiner Zeit bedeutend genug gewesen zu sein, obwohl er lediglich das erste Jahrzehnt unter preußischer Regierung erlebte.

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Der „Wallrafplatz“ stellt eine Besonderheit dar, da es sich nicht um ein gefertigtes Kunstobjekt oder Denkmal im engeren Sinne handelt. Die Ehrung durch das städtische Denkmalwesen findet aber auch in der Benennung von Straßen und Plätzen Ausdruck – man denke nur an Wallrafs eigene Bemühungen um die Benennung der Kölner Straßennamen, in der zahlreiche historische Persönlichkeiten aufgegriffen wurden. Die Benennung des Wallrafplatzes erfolgte im Jahr 1830, sodass sie das erste Erinnerungszeichen an Wallrafs Person darstellte. Etwa zur gleichen Zeit entstanden zwei weitere Plätze, der Augustiner- und der Laurenzplatz. [8] Die Namensgebung resultierte aus der Tatsache, dass sich dort vormals das Augustinerkloster bzw. die Kirche St. Laurentius befunden haben. In diesem Kontext scheint die Benennung des Wallrafplatzes in erster Linie nicht zu Ehren des Wirken Wallrafs erfolgt zu sein, sondern schlicht der Tatsache, dass der stadtbekannte Wallraf bis zu seinem Tod 1824 dort gewohnt hat. Obwohl der Platz zentral gelegen und vielbesucht ist, lässt sich aus dieser Lage auch kein Rückschluss auf die Anerkennung Wallrafs ziehen, da es sich wie bei den anderen beiden Platzbenennungen um eine Art erinnernde historische Ortsangabe handelte.

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Dennoch wird einige Jahre später deutlich, dass die Namensgebung des Platzes nunmehr nicht bloß aus der örtlichen Verbundenheit resultiert: Als im Jahre 1879 die Planung für ein Denkmal des preußischen Generalfeldmarschalls Moltke begann, war der Wallrafplatz als Standort im Gespräch. [9] Kritiker befürchteten allerdings, dass ein solches Monument schnell zur Namensänderung des Platzes führen würde. Damit würde auch „das im Platznamen symbolisierte, imaginäre Denkmal“ [10] Wallrafs verdrängt werden. [11] Der Platz hatte sich zu einem immateriellen Denkmal am Ort von Wallrafs Wirken entwickelt.

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Die von Wilhelm Albermann (1835-1913) gefertigten Sitzdenkmäler Wallrafs und Richartz‘ „An der Rechtsschule“, die im Jahre 1900 feierlich enthüllt wurden, standen vor dem damaligen Wallraf-Richartz-Museum. Die Ehrung der beiden generösen Stifter erfolgte dabei ebenfalls am Platz ihres Wirkens oder besser gesagt ihres unmittelbaren Nachwirkens. Trotz ständigen Geldmangels in den städtischen Kassen wurde als Material Bronze dem günstigeren, aber auch witterungsanfälligeren Marmor vorgezogen. [12] Gründe für die Denkmalwürdigkeit Wallrafs mussten nicht lange gesucht werden: Zum einen stand das Museum anschaulich für die Vorzüge, die die Stadt Wallraf zu verdanken hatte. Zum anderen war der Wunsch der Bürger, ein Denkmal für den Sammler zu errichten, ungebrochen. Erste Bemühungen um ein Denkmal für den Kanonikus sind auf das Jahr 1834 datiert. [13] Gestärkt wurde diese Forderung noch einmal durch einen Aufruf „An die Kölner“ in der Beilage der Kölnischen Zeitung im Jahr 1837, in dem der Wunsch formuliert wurde, das „Andenken großer Männer durch würdige, kunstvolle, lang‘ dauernde Denkmale zu ehren“. [14]

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Die Entstehungsgeschichte des von Anton Werres (1830-1900) als Doppelstandbild entworfenen Grabdenkmals Richartz‘ und Wallrafs findet sich an anderer Stelle. Thematisiert wird hier daher nur die Funktion des Grabmales als Denkmal. Das Doppelstandbild geht über ein reines Grabmal hinaus. [15] Geschaffen wurde es nach mehrfacher öffentlicher Forderung – so insistierte auch Leonard Ennen im Jahr 1857, „daß den hohen Verdiensten des Professors Wallraf durch ein würdiges Denkmal ehrende Anerkennung gezollt werden müsse“. [16] Der Denkmalcharakter wird nicht nur in der Ähnlichkeit mit dem berühmten Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar offenbar. Bereits in der zeitgenössischen Resonanz wurde bemängelt, das Denkmal stünde auf einen öffentlichen Platz in der Stadt angemessener. [17] In seiner Funktion als Denkmal scheint der Aufstellungsort des Doppelstandbildes daher denkbar unpassend. Geschaffen wurde es allerdings für eine Aufstellung auf dem Friedhof, sodass als Material vergleichsweise wenig repräsentativer Sand- bzw. Kalkstein und kein Marmor verwendet wurde. [18] Auch die für ein Denkmal typische feierliche Enthüllung fehlte. [19] Für die Funktion als Grabmal hingegen hat es auf den Hauptweg des Melatenfriedhofs, der sogenannten „Millionenallee“, den publikumswirksamsten Platz erhalten.

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Vergleicht man diese „Denkmäler“, fällt besonders die Heterogenität der Wallraf-Rezeption auf: Sie reicht von einer großen Bronzestatue über die dezente Abbildung am Denkmal eines anderen bis hin zum immateriellen „imaginären Denkmal“. Mal liegt Wallrafs Person im Fokus, mal wurde er im Kreise wichtiger Persönlichkeiten berücksichtigt. Dies trifft sowohl auf die jüngere Würdigung als Figur auf dem Ratsturm zu als auch auf das Relief des Reiterdenkmals, das immerhin als erstes Personendenkmal Kölns gewertet werden kann. [20] Ähnlich heterogen ist auch die Entstehungszeit dieser Ehrungen; die erste erfolgte bereits 1830, die letzte 1995. In eben dieser Heterogenität der Rezeption lässt sich die fortlaufende Relevanz des Kanonikus erkennen: es scheint als sei er unabhängig von Anlass oder Entstehung immer zu den rezeptionswürdigen Personen gezählt worden. Die Standorte hingegen wirken erstaunlich homogen: Heumarkt und Rathaus sind publikumswirksame Stellen; ebenso wie Wallrafplatz und „An der Rechtsschule“ liegen sie zentral und sind oft besucht. Die „Millionenallee“ stellt den repräsentativsten Platz auf dem Melatenfriedhof dar.

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Eine ausgedehntere Rezeption Wallrafs wäre sicherlich aus historischer Perspektive wünschenswert; auch die Denkmalwürdigkeit Wallrafs steht nach wie vor außer Frage. Es bleibt aber festzuhalten, dass die Wallraf-Rezeption bereits ein breites Spektrum an Möglichkeiten aufgegriffen hat, um den Lokalpatrioten Wallraf posthum zu ehren und an seine Leistung zu erinnern. Für die Zeitgenossen schien das Hauptaugenmerk von Wallrafs Verdienst vermehrt in seiner Funktion als Lehrer zu liegen. In der Ansprache anlässlich der Jubelfeier zu Wallrafs 50. Priesterjubiläum wird dies erkennbar, in der zunächst Wallrafs Verdienst als Gymnasiallehrer, als Professor und als Rektor hervorgehoben wird. [21] In der urbanen Rezeption der vergangenen 180 Jahre wird Wallraf hingegen in erster Linie als Sammler rezipiert. Mit der Übertragung seines Erbes an die Stadt Köln hat er die Museumslandschaft Kölns begründet und bis heute geprägt. Da dies zugleich erst mit der Spende Richartz‘ möglich wurde, verwundert es nicht, dass die Rezeption Wallrafs meist im Zusammenhang mit Richartz steht. „Das von ihm gestiftete Museum, das Wallrafianum, ist […] schon ein schönes Denkmal für ihn“ [22] wurde bereits im Jahr 1837 befunden. In diesem Sinne hat sich Wallraf mit seiner Sammlung in jedem daraus hervorgegangenen Museum gewissermaßen selbst ein Denkmal gesetzt.

Anmerkungen

[1] Götz Czymmek: Ferdinand Franz Wallraf im Bild, in: Wallraf-Richartz-Jahrbuch 69 (2008), 271-302, hier: 271.

[2] Alois Riegl: Der moderne Denkmalkultus. Sein Wesen und seine Entstehung, in: Ders.: Gesammelte Aufsätze, hrsg. von Karl M. Swoboda, Augsburg / Wien 1929, 144-193, hier: 172.

[3] Riegl: Denkmalkultus (wie Anm. 2), 144.

[4] Hiltrud Kier: Das neue Figurenprogramm des Ratsturms. Inhalt und Entstehung, in: Hiltrud Kier / Bernd Ernsting / Urich Krings (Hg.): Köln: Der Ratsturm. Seine Geschichte und sein Figurenprogramm, Köln 1996, 264-275, hier: 274.

[5] Kier: Figurenprogramm (wie Anm. 4), 269-275.

[6] Kier: Figurenprogramm (wie Anm. 4), 274f.

[7] Iris Benner: Kölner Denkmäler 1871-1918. Aspekte bürgerlicher Kultur zwischen Kunst und Politik, Köln 2003, 64.

[8] Joseph Klersch: Von der Reichsstadt zur Großstadt. Stadtbild und Wirtschaft in Köln 1794-1860, Nachdruck der Ausgabe Köln 1925, Köln 1994, 48.

[9] Vgl. Benner: Denkmäler (wie Anm. 7), 200.

[10] Benner: Denkmäler (wie Anm. 7), 200.

[11] Das Moltkedenkmal wurde, allerdings aus anderen Beweggründen, nicht auf dem Wallrafplatz, sondern auf dem Laurenzplatz errichtet. Vgl. Benner: Denkmäler (wie Anm. 7), 200f.

[12] Vgl. Benner: Denkmäler (wie Anm. 7), 160.

[13] Vgl. Benner: Denkmäler (wie Anm. 7), 74.

[14] Beilage der Kölnischen Zeitung 3 (1837) .

[15] Vgl. Benner: Denkmäler (wie Anm. 7), 75.

[16] Leonard Ennen: Zeitbilder aus der neueren Geschichte der Stadt Köln, mit besonderer Rücksicht auf Ferdinand Franz Wallraf, Köln 1857, 390. (Digitalisat Ennen: Zeitbilder)

[17] Vgl. Benner: Denkmäler (wie Anm. 7), 75 und 119.

[18] Das Material der Figuren war Savonnières-Kalkstein, das Material des Unterbaues Sandstein. Vgl. H. Siegert: Denkmäler, in: Architekten- und Ingenieur-Verein für Niederrhein und Westfalen (Hg.): Köln und seine Bauten. Festschrift zur VIII. Wanderversammlung des Verbandes Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine in Köln, vom 12. bis 16. August 1888, Köln 1888, 336-350, hier: 347. (Digitalisat Architekten- und Ingenieurverein: Köln und seine Bauten)

[19] Vgl. Benner: Denkmäler (wie Anm. 7), 75.

[20] Vgl. Benner: Denkmäler (wie Anm. 7), 63f.

[21] Vgl. Joachim Deeters: Ferdinand Franz Wallraf. Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln vom 5. Dezember 1974 bis 31. Januar 1975, Köln 1974, 107.

[22] Beilage der Kölnischen Zeitung 3 (1837) .

Empfohlene Zitierweise
Vanessa Skowronek, Wallraf-Rezeption im urbanen Raum – Auswertung, aus: Gudrun Gersmann, Stefan Grohé (Hg.), Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) — Eine Spurensuche in Köln (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00001), in: mapublishing, 2016, Seitentitel: Wallraf-Rezeption Auswertung (Datum des letzten Besuchs).