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Die Figur Wallrafs am Kölner Ratsturm

Vanessa Skowronek

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Der Ratsturm in der Altstadt war bei seiner Fertigstellung im Jahr 1414 mit 61 Metern das höchste profane Gebäude der Stadt und somit gewissermaßen das erste Hochhaus Kölns. [1] Der Turm, der kurz nach dem Sieg der Gaffeln und Zünfte über die Patrizier entstand, kann als Ausdruck für das erstarkte Selbstbewusstsein der Kölner Bürgerschaft gelten, das auch der Verbundbrief von 1396 belegt. Schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts war der Turm mit 130 Figuren geschmückt. [2] Wen diese Figuren, die um 1410 entstanden, darstellten, ist heute kaum mehr nachzuvollziehen. Vollkommen verwittert wurden sie am Ende des 18. Jahrhunderts vom Turm entfernt. [3]

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Im Zuge der Restaurierung im 19. Jahrhundert folgte eine zweite Generation Skulpturen. Das Rathaus befand sich zu dieser Zeit in einem baulich so schlechten Zustand, dass Auswirkungen auf das Prestige der Stadt befürchtet wurden. Der Rat entschied sich in den 1850er Jahren für eine Restauration der gesamten Anlage und somit gegen einen Abriss und einen anschließenden Neubau. [4] Bis in die 1890er Jahre waren die Restaurierungsmaßnahmen weit vorangeschritten, lediglich der Ratsturm war von den baulichen Fortschritten ausgenommen. Inspiriert von zahlreichen Figurenzyklen an den Rathäusern anderer Städte zu dieser Zeit wurde auch in Köln die Idee eines neuen Skulpturenprogrammes vorangetrieben. [5] Eine zu diesem Zweck einberufene Kommission entschied sich für ein Programm, das 81 Skulpturen umfassen sollte; neben 22 Heiligenfiguren wurden dabei vor allem Vertreter der Bürgerschaft berücksichtigt. Die Auswahl beschränkte sich zeitlich auf das Mittelalter und die Frühe Neuzeit, wohl in Anlehnung an die Errungenschaften Kölns mit dem Status der freien Reichsstadt bis 1794. [6]

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Im Jahr 1893 wurden die ersten zehn Sandsteinstatuen am Erdgeschoss der West- und Nordseite angebracht. Die fehlenden 71 Statuen für die Obergeschosse folgten erst in den Jahren 1900 bzw. 1901, nachdem die Erneuerung der verwitterten Turmfassade fertiggestellt worden war. [7] Jedoch schon 1925 mussten die Figuren des Erdgeschosses ausgetauscht werden, da sie nach nur 30 Jahren verwittert waren. Sie wurden durch widerstandsfähigere Figuren aus Muschelkalk ersetzt.[8]

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Die Bombardierung während des Zweiten Weltkrieges hinterließ den Ratsturm als baufällige Ruine, die teilweise bis auf den Bereich des Fundamentes zerstört war. [9] Somit war auch der Großteil des Figurenzyklus aus dem 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert verloren. Der Wiederaufbau des Turmes wurde seit dem Jahr 1950 vorangetrieben und konnte 25 Jahre später vollendet werden – allerdings ohne Figurenschmuck. [10] Anfang der 1980er Jahre kam eine Historikerkommission zusammen, die ein neuerliches Figurenprogramm konzipieren sollte, das repräsentativ für die 2.000jährige Stadtgeschichte stehen sollte. [11]

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Im Rahmen der ersten Sitzung im Januar 1983 wurde entschieden, dass sich weder lebende noch in der Stadtmemoria negativ behaftete Persönlichkeiten am Turm wiederfinden sollten. Es entstand eine erste Liste von möglichen Figuren für den Ratsturm. [12] Bis zur Verabschiedung der Liste im Kölner Rat vergingen aber noch fünf Jahre. Anhand der Ergebnisse der verschiedenen Kommissionssitzungen soll anhand des Beispiels Wallraf das weitere Vorgehen verdeutlicht werden bzw. der Frage nachgegangen werden: Wie kam Wallraf an den Ratsturm?

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Nach konservatorischen Begutachtungen konnten lediglich fünf der alten Skulpturen erneut verwendet werden. [13] Diese alten Skulpturen, die zuvor oft nur symbolisch für eine Berufsgruppe gestanden hatten und meist ohne Kopf erhalten waren, wurden als Grundlage für die Darstellung einer anderen Persönlichkeit genutzt. Nur eine sehr gut erhaltene Figur, nämlich die Heinrichs IV. (1050-1106), behielt sowohl ihre Identität als auch ihre angestammte historische Position am Turm. [14] Neben Heinrich IV. musste über 123 weitere Darstellungen entschieden werden. [15] Ferdinand Franz Wallraf gehört zu den Persönlichkeiten, die im neuen Figurenzyklus berücksichtigt worden sind. Im zweiten Obergeschoss findet sich die vom Bildhauer Johann Peter Schilling geschaffene Figur des Professors, die von einer Medienagentur gestiftet worden ist. [16]

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Die erste Liste möglicher Figuren folgte einer groben chronologischen Einteilung: 1. Römische Geschichte; 2. Mittelalter; 3. ab 1517, Reformation bis Wiener Kongress (1815); 4. 1815-1945; 5. ab 1945. Die aufgelisteten Personen wurden dann zusätzlich thematisch geordnet. Ferdinand Franz Wallraf war in dieser ersten Liste unter 4.c) Kunstsammler und Künstler zu finden. Sein Name stand neben Johann Heinrich Richartz (1796-1861) – die beiden waren als Doppelfigur vorgesehen. Eine überarbeitete zweite Liste vom Juni 1983 folgte der gleichen Unterteilung. Vermutlich nicht berücksichtigte Personen sind mit einem (oder zwei) Fragezeichen markiert. [17] Wallraf war ohne Einschränkung weiterhin vertreten, diesmal allerdings nicht als Doppelfigur: Johann Heinrich Richartz wurde getilgt.

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Die dritte Liste von Figuren für den Ratsturm wurde anders gegliedert. Für das Erdgeschoss wurden 19 Figuren vorgesehen, die als Herrscher und herrschergleiche Persönlichkeiten klassifiziert wurden. Um die Stadt Köln verdiente Persönlichkeiten fanden im ersten bis dritten Obergeschoss Platz, darunter auch Wallraf. Diese insgesamt 83 Figuren wurden chronologisch angeordnet. Im vierten Obergeschoss sollten sich schließlich 22 Kölner Schutzheilige befinden, so wie es auch im Skulpturenprogramm des 19. Jahrhunderts vorgesehen war.

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Diese Konstellation war der heutigen und somit letzten Figurenliste schon recht nahe. Die Einteilung der Personengruppen blieb bestehen. 1987 wurden allerdings noch einmal 13 Änderungen an den Personalien vorgenommen. Auf Initiative der Partei Die Grünen erhielt das Figurenkonzept nun eine „Frauenquote“. Die bisher lediglich fünf weiblichen Vertreterinnen wurden um 13 weibliche Persönlichkeiten ergänzt. Gleichzeitig – denn der Platz blieb natürlich weiterhin begrenzt – mussten 13 männliche Figuren weichen. Unter diesen befand sich u.a. Stadtarchivar Leonard Ennen (1820-1880), der 1857 die „Zeitbilder aus der neueren Geschichte der Stadt Köln, mit besonderer Rücksicht auf Ferdinand Franz Wallraf“ publiziert hatte.

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Neben Wallraf waren auch einige seiner Weggefährten als Figuren des Ratsturmes im Gespräch. So findet sich beispielsweise eine Figur des Kunsthändlers Sulpiz Boisserée (1783-1854) am Turm wieder, sein Bruder Melchior (1786-1851), mit dem eigentlich eine Doppelfigur vorgesehen war, wurde (ähnlich wie Richartz) gestrichen. [18] Eine Figur Eberhard von Grootes (1789-1864) lässt sich heute nicht am Turm entdecken. Sein Name erschien in der zweiten Liste, fand in der dritten Liste dann aber keine Berücksichtigung mehr. [19]

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Der Kölner Ratsturm mit Figuren, Stand 2016

Foto: Skowronek, CC BY-NC-ND 4.0

Das heutige Figurenprogramm des Kölner Ratsturms wurde per Ratsbeschluss am 28. Januar 1988 verabschiedet. 57 Bildhauerinnen und Bildhauer setzten das Programm in die Tat um, sodass die Vollendung des Turmes am 6. Mai 1995 mit einem Bürgerfest öffentlich gefeiert werden konnte. Diese „dritten Generation“ wurde aus Weiberner Tuff gefertigt und zur besseren Haltbarkeit mit Acrylharz versiegelt. [20] Doch genau das stellte sich aus späterer Sicht als Fehlentscheidung heraus – nach nur zehn Jahren mussten die porösen Skulpturen vom Turm genommen werden. Die Wallraf-Figur, ebenso wie die anderen, wurde 2008 als originalgetreue Kopie wieder aufgestellt.

Anmerkungen

[1] Vgl. Hiltrud Kier: Das Rathaus zu Köln, in: Hiltrud Kier / Bernd Ernsting / Urich Krings (Hg.): Köln: Der Ratsturm. Seine Geschichte und sein Figurenprogramm, Köln 1996, 40-69, hier: 43.

[2] Vgl. Kier: Rathaus (wie Anm. 1), 44.

[3] Vgl. Kier: Rathaus (wie Anm. 1), 44.

[4] Vgl. Walter Geis: Das Bildprogramm des 19. Jahrhunderts am Rathaus, in: Hiltrud Kier / Bernd Ernsting / Urich Krings (Hg.): Köln: Der Ratsturm. Seine Geschichte und sein Figurenprogramm, Köln 1996, 219-263, hier: 219.

[5] Vgl. Geis: Bildprogramm (wie Anm. 4), 230.

[6] Vgl. Geis: Bildprogramm (wie Anm. 4), 248.

[7] Vgl. Geis: Bildprogramm (wie Anm. 4), 238f.

[8] Vgl. Geis: Bildprogramm (wie Anm. 4), 246.

[9] Vgl. Ulrich Krings: Der Ratsturm nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Hiltrud Kier / Bernd Ernsting / Urich Krings (Hg.): Köln: Der Ratsturm. Seine Geschichte und sein Figurenprogramm, Köln 1996, 70-111, hier: 70.

[10] Vgl. Krings: Ratsturm (wie Anm. 9), 72f. Verantwortlich für den Wiederaufbau war die damalige Stadtkonservatorin Hanna Adenauer, die für die Arbeiten am Turm auch noch nach ihrer Pensionierung bis zur Fertigstellung 1975 zuständig war. Unglücklicherweise erwies sich der bei der Restaurierung der Turmfassade verwendete Trachyt als nicht witterungsbeständig und so beschäftigte die Restaurierungsfrage des Turmes auch in den Folgejahren die zuständigen Stellen der Stadtverwaltung.

[11] Die Kommission bestand aus zehn Experten, darunter u.a. die Stadtkonservatorin, der Direktor des Historischen Archivs des Erzbistums Köln, der Direktor des HAStK, der Direktor des Kölnischen Stadtmuseums und der Vorsitzende des Kölnischen Geschichtsvereins. Vgl. Hiltrud Kier: Das neue Figurenprogramm des Ratsturms. Inhalt und Entstehung, in: Hiltrud Kier / Bernd Ernsting / Urich Krings (Hg.): Köln: Der Ratsturm. Seine Geschichte und sein Figurenprogramm, Köln 1996, 264-275, hier: 266.

[12] Vgl. Kier: Figurenprogramm (wie Anm. 11), 267.

[13] Vgl. Krings: Ratsturm (wie Anm. 9), 74.

[14] Vgl. Krings: Ratsturm (wie Anm. 9), 74.

[15] Zunächst ging man davon aus, dass lediglich für 80 Figuren Platz sei. Dennoch umfasste schon die erste Liste 116 Vorschläge. Vgl. Kier: Figurenprogramm (wie Anm. 11), 266.

[16] Die Modellvorstellung fand am 7. Oktober 1988 statt, 13 Monate später am 6. September 1998 konnte die Figur der Stadt übergeben werden. Stifter ist die informedia verlags-gmbh, Köln. Vgl. Bernd Dreher / Claudia Valder-Knechtges: Leben und Legenden der Ratsturmfiguren, in: Hiltrud Kier / Bernd Ernsting / Urich Krings (Hg.): Köln: Der Ratsturm. Seine Geschichte und sein Figurenprogramm, Köln 1996, 373-653, hier: 509.

[17] Die zweite Liste umfasste 137 Personen und musste immens gekürzt werden. Doch statt einer Kürzung endete die folgende Sitzung mit einer ergänzenden Liste, die noch einmal 20 weitere Personen auflistet.  

[18] Vgl Kier: Figurenprogramm (wie Anm. 11), 270.

[19] Vgl Kier: Figurenprogramm (wie Anm. 11), 271, 273.

[20] Vgl. Bernd Ernsting: Das neue Figurenprogramm des Kölner Ratsturmes. Perspektiven und Probleme figurativer Denkmalskulptur heute, in: Hiltrud Kier / Bernd Ernsting / Urich Krings (Hg.): Köln: Der Ratsturm. Seine Geschichte und sein Figurenprogramm, Köln 1996, 276-301, hier: 290.

Empfohlene Zitierweise
Vanessa Skowronek, Die Figur Wallrafs am Kölner Ratsturm, aus: Gudrun Gersmann, Stefan Grohé (Hg.), Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) — Eine Spurensuche in Köln (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00001), in: mapublishing-lab, 2016,
URL: http://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/wallraf-in-koeln/wirken-und-nachwirkung/wallraf-figur-am-ratsturm/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 06.10.2016
Zuletzt geändert: 06.10.2016