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Sammeln im Zeitalter der Aufklärung

Kim Opgenoorth

Mit seinem Anliegen, Sammeln und Wissensvermittlung untrennbar miteinander zu verbinden, stand Wallraf weder in Köln noch im europäischen Raum allein da. Lehrsammlungen gab es in Zeiten der Aufklärung auch in anderen Städten. [1] Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts entstanden vielerorts bürgerliche Sammlungen, die sich in Motiv und Auswahl deutlich von den „Raritätenkabinetten“ der Fürstenhäuser unterschieden, die vor allem der Repräsentation gedient hatten. [2] Eng verbunden mit den Ideen der Aufklärung ging es nun um die Vertiefung eines naturwissenschaftlichen Verständnisses bei einem bürgerlichen Publikum.

In Köln hatte es schon vor Wallraf eine lange Tradition des Sammelns von Artefakten und Altertümern gegeben. [3] Naturaliensammlungen aber, die für die deutsche Aufklärung eine entscheidende Rolle spielen sollten, waren hier nicht viele zu finden. [4] Eine Ausnahme stellte allerdings das Naturalienkabinett des Jesuitenkollegs dar, dessen Beschlagnahmung und Abtransport durch die französischen Kunstkommissare im Jahre 1794 Wallraf sehr bedauerte. Den Verlust hat er zumindest teilweise auszugleichen versucht. [5] 

In der Naturforschung fand im 18. Jahrhundert ein rasanter Wandel statt: Die althergebrachte Wissensordnung wurde zunehmend in Frage gestellt; vorher unbekannte Fachrichtungen wie Biologie, Chemie oder neuartige Themenfelder wie Elektrizitätslehre wurden entwickelt. Von den Universitäten wurden erst im 19. Jahrhundert neue Standards erarbeitet, die die Grenzen zwischen Esoterik und Wissenschaft klar ziehen konnten. [6] Viele Gelehrte und Künstler zog es in dieser Umbruchszeit in Freimaurerlogen. Auch Wallraf, der zu dem Kreis gemäßigter Aufklärer gezählt werden kann [7], war Mitglied im Rosenkreuzer-Geheimbund. Die allmähliche Spezialisierung der Disziplinen zog einen grundlegenden Umbau der akademischen Ausbildung nach sich. So erklärt sich, dass Einordnungen und Fächerkombinationen aus der Zeit vor 1800 aus heutiger Sicht teilweise befremdlich wirken. [8] Im 18. Jahrhundert war es zum Beispiel in Köln noch üblich, dass ein Akademiker zusätzlich zu den sieben Künsten der Philosophische Fakultät ein Grundstudium der Physik durchlaufen musste, sodass die Verbindung zwischen Kunst- und Naturgeschichte damals weit enger war als heute.

Der neugeschaffene Lehrstuhl für Naturgeschichte und Ästhetik ist ein Beispiel für die Offenheit der neuen Wissenskategorisierung Ende des 18. Jahrhunderts. Innerhalb der Kölner Universität gab es einen Streit darüber, ob dieser der Philosophischen oder der Medizinischen Fakultät unterstellt war. [9] Die alte Kölner Universität war vor 1800 im Vergleich mit anderen Hochschulen für die naturwissenschaftliche Forschung zwar keine treibende Kraft, hatte – der Sekundärliteratur zufolge – in der Lehre jedoch durch drei Besonderheiten eine respektable Ausstattung vorzuzeigen: Durch den alten, seit 1555 bewirtschafteten Botanischen Garten, durch das Physikalische Kabinett und durch die Wallrafschen Vorlesungen in der Mineralogie. [10]

Wallrafs Objekte vor 1800 zeigen deutlich, dass Wallraf sich als Lehrer verstanden und die Naturgeschichte als Einstiegspunkt für das gesamte Wissensspektrum gesehen hat. Ganz im Sinne des Universalgelehrten hat er sich der Vielfältigkeit der Fachgebiete mit ihren Verflechtungen und Verbindungen angenommen und seine Sammeltätigkeit nicht begrenzt oder eingeschränkt. Seine Mission war ein Bildungsauftrag. Nicht nur hat er die Objekte seiner Sammlung selbst in seinem Unterricht verwendet und sie für Forschungszwecke eingesetzt, er hat sich auch sein ganzes Leben darum bemüht, seine Sammlung den Schulen, der Universität oder einer größeren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Anmerkungen

[1] Bianca Thierhoff: Ferdinand Franz Wallraf – Ein Sammler des „pädagogischen Zeitalters“, in: Hiltrud Kier / Frank Günter Zehnder (Hg.): Lust und Verlust. Kölner Sammler zwischen Trikolore und Preußenadler, Köln 1995, 389-406, hier: 390.

[2] Christoph Becker, Das Kölner Sammelwesen im Zeitalter der Aufklärung – ein besonderer Fall, in: Hiltrud Kier / Frank Günter Zehnder (Hg.): Lust und Verlust. Kölner Sammler zwischen Trikolore und Preußenadler, Köln 1995, 141-148, hier: 141.

[3] Becker, Sammelwesen, 144-146.

[4] Becker, Sammelwesen, 144.

[5] Thierhoff, Pädagogisches Zeitalter, 390.

[6] Barbara Stollberg-Rilinger, Europa im Jahrhundert der Aufklärung, 188.

[7] Joachim Deeters, "Der Weg aus der Sklaverei zur Aufklärung" am Beispiel Ferdinand Franz Wallrafs, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 54 (1990), 142-163.

[8] Quarg, Naturwissenschaftliche Sammlungen, 315.

[9] Zum Beispiel bei Deeters, Aufklärung, 175.

[10] Gunter Quarg, Naturkunde und Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität, Köln 1996, 219f.

Empfohlene Zitierweise
Kim Opgenoorth, Sammeln im Zeitalter der Aufklärung, aus: Gudrun Gersmann, Stefan Grohé (Hg.), Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) — Eine Spurensuche in Köln (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00001), in: mapublishing, 2019,
URL: http://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/lehrobjekte-vor-1800/historischer-kontext/sammeln-im-zeitalter-der-aufklaerung/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 16.05.2019
Zuletzt geändert: 16.05.2019