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Sammler-Duo: Die Brüder Boisserée

Alexandra Nebelung unter Mitarbeit von Mai Nguyen

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Die Kunstsammlung Ferdinand Franz Wallrafs ist der Grundstein für die heutige Museumsstadt Köln. Einige weitere große Sammlungen seiner Zeit sind aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Stadt verblieben. Eine davon ist die Gemäldesammlung der Brüder Boisserée, die altdeutsche und niederländische Malerei vom späten 13. bis zum 16. Jahrhundert beinhaltet und heute zum Teil in der Alten Pinakothek in München ausgestellt ist. [1]

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Sulpiz und Melchior Boisserée wurden 1783 und 1786 in Köln geboren. [2] Beide Söhne sollten das Speditionsunternehmen ihres Vaters, Nicolas Boisserée, übernehmen. [3] Doch die Bekanntschaft mit Johann Baptist Bertram (1776-1841) weckte und förderte ihre Begeisterung für Kunsttheorie und machte sie mit den Schriften von Friedrich Schlegel (1772-1829) vertraut. [4] Das gemeinsame Interesse an Kunst und Kultur führte dazu, dass die drei Freunde anfingen, zusammen zu reisen und auf diesen Reisen Kunstwerke und Architektur zu besichtigen. Aus einer für eine Zeit von drei Wochen geplanten Parisreise wurde ein sechs Monate dauernder Studienaufenthalt, da eine Krankheit Sulpiz‘ die Rückkehr verzögerte. [5] Die Reisenden besuchten nicht nur den Louvre (damals umgetauft in Musée Napoléon), sondern studierten bei Schlegel persönlich Kunstgeschichte und Kunsttheorie. [6] Als die Brüder und Bertram nach Köln zurückkamen, begleitete Schlegel sie.

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Die Besetzung des Rheinlandes durch die Franzosen führte zur Säkularisation aller Kirchengüter. Mit dem Säkularisationsgesetz von 1802 wurden die Kirchen enteignet und ihre Besitztümer der Nation unterstellt. [7] Was von den Franzosen nicht nach Paris entführt wurde, landete oft auf der Straße und wurde verkauft. Bei der Rückkehr der Boisserées nach Köln 1804 war die Säkularisation der Kunstwerke in vollem Gange und die Brüder wollten die Werke altdeutscher Kunst vor Verschleppung oder Zerstörung retten. [8]

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Die Idee einer kohärenten Sammlung altdeutscher und niederländischer Malerei entstand aufgrund des Einflusses von Friedrich Schlegel, der von einer Vereinigung deutscher Kunst träumte, und wurde zusätzlich vom Vorbild des Musée Napoléon inspiriert, dessen umfassende Sammlung die Brüder tief beeindruckt hatte. [9] Über Veräußerungen im Zuge der Säkularisation und im Tausch mit anderen Sammlern konnten die Brüder in den Jahren 1804 bis 1810 schon eine beträchtliche Zahl an Gemälden erwerben – oft zu sehr geringen Preisen. [10] Dabei zahlte sich ihr kaufmännisches Geschick aus. Durch die Brüder Boisserée, Johann Baptist Bertram und Friedrich Schlegel wurde zudem das Interesse der Kunstkenner auf Altkölner Malerei gelenkt. Schlegel fertigte Beschreibungen der mittelalterlichen Kunstwerke an und konnte seine Anhänger für die Sammlung begeistern. [11]

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Bald hatten die Boisserées Probleme, die Sammlung in ihrem Haus am Blaubach in Köln unterzubringen, [12] – Schwierigkeiten, die auch Wallraf nur allzu gut kannte. [13] Als Friedrich Schlegel 1808 Köln verließ und nach Wien zog, suchten auch die Boisserées außerhalb von Köln nach neuen Unterbringungs- und Ausstellungsräumen für ihre Sammlung. [14] Ihre Ziele gingen sehr viel weiter, als nur für den Privatbesitz zu sammeln. Eine vollständige Sammlung altdeutscher Kunst sollte die Grundlage eines Nationalmuseums sein, das den Menschen die Kunstgeschichte und Kunsttheorie näherbringen sollte. [15] Bereits im März 1810 zogen die Brüder mit der Kunstsammlung nach Heidelberg, wo auch erste Verkaufsverhandlungen stattfanden. [16]

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In Heidelberg fand man adäquate Räume für die Sammlung, in denen sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte und große Aufmerksamkeit erregte. [17] Allerdings blieben die Brüder Boisserée nicht dort, sondern zogen später noch zweimal um. Sie waren mit ihrer Kunstsammlung gewissermaßen ein bewegliches Museum, das von Ort zu Ort reisen konnte. Da es zur damaligen Zeit noch keine öffentlichen Museen gab, war das Vorgehen der Brüder innovativ und sorgte für eine hohe Popularität ihrer Kunstsammlung.

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Vergleichbar mit der Funktion von Presse und Medienberichterstattung heute wurde durch die Brüder Boisserée und ihre Freunde und Bekannten das Interesse auf mittelalterliche Kunst Kölner Kirchen gelenkt. Den Brüdern war bewusst, dass sie als Kunstsammler ihre Kontakte zu anderen Sammlern und den weiteren Akteuren auf dem Kunstmarkt zu pflegen hatten. Sie waren demnach auch Netzwerker im modernen Sinne, da ihre Freunde, Bekanntschaften und Kontakte für ihre Sammlertätigkeit hilfreich waren. Durch das Reisen der beiden Brüder mit ihrem Freund waren diese Kunstnetzwerke überregional. Gezielt versuchten sie zum Beispiel auch Johann Wolfgang von Goethe von ihren Ideen zu überzeugen und seine Anerkennung zu erlangen. [18]

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Mit dem Erreichen der vollständigen Chronologie der Gemäldesammlung vom 13. bis zum 16. Jahrhundert im Jahr 1817 entschieden die Boisserées, ihre Sammlung zu verkaufen. [19] Die Übergabe ihrer privaten Sammlung in herrschaftliche Hände, nämlich in eine fürstliche Sammlung, sollte garantieren, dass die Ergebnisse ihrer Bemühungen auch nach ihrem Ableben erhalten blieben. [20] Entsprechende Interessensbekundungen des württembergischen Königspaars und ein neues, großzügiges Angebot zur Ausstellung der Sammlung überzeugten die Brüder zum Umzug nach Stuttgart 1819. [21] Auch in Köln gab es durchaus Interesse an der Sammlung und damit auch Bemühungen um eine Rückkehr der Brüder. Allerdings verfügte die Stadt nicht über die Mittel zum Ankauf der Sammlung. [22]

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1827 wurde die Sammlung vom bayerischen König Ludwig I. übernommen, [23] der die anspruchsvollen und kritischen Brüder Boisserée schließlich überzeugen konnte. [24] Ihr oberstes Ziel war der Erhalt des Zusammenhangs ihrer Sammlung. Doch gerade dieser Wunsch blieb ihnen verwehrt: 1828 kam es noch einmal zu einer Ausstellung der gesamten Sammlung. [25] Später jedoch, in der Alten Pinakothek in München, wurden nur noch Teile ausgestellt, die im Folgenden auch noch durch eine neue Hängung der Werke entzweit wurden. [26] Eine Gesamtbetrachtung der Sammlung Boisserée ist somit für den heutigen Besucher nicht mehr möglich.

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Auch von Wallraf wusste man, dass es ihm wichtig war, seine komplette Sammlung an die Stadt Köln abzugeben. Eine Zerstückelung wurde von ihm abgelehnt. [27] Nicht nur die heutige Verstreuung ihrer Sammlungen bildet einen Verknüpfungspunkt zwischen Wallraf und den Brüdern Boisserée. Ihnen ist gemein, dass sie in Köln aufwuchsen und ihrer Heimatstadt bis zuletzt stark verbunden blieben. Die Brüder, die einen kaufmännisch geprägten Hintergrund hatten, unterschieden sich als Sammler allerdings von Wallraf. Die Boisserées sammelten bevorzugt altdeutsche und altniederländische Kunst. [28] In ihrer Sammlertätigkeit waren sie demnach Spezialisten und keine Generalisten, wie es zur damaligen Zeit eher üblich war. Kann man bei Wallraf von einer Universalsammlung sprechen, so trifft dies bei den Brüdern weniger zu. Gemeinsam war ihnen jedoch, dass sie sammelten, weil sie davon überzeugt waren, dass Sammlungen einen pädagogischen Nutzen für die Bürger haben sollten und sowohl Wallraf als auch die Boisserée-Brüder haben sich vor allem bei der Rettung rheinischer Altertümer und weiterer Kunstschätze während der französischen Besatzung verdient gemacht.

Anmerkungen

[1] Uwe Heckmann: Die Sammlung Boisserée. Konzeption und Rezeptionsgeschichte einer romantischen Kunstsammlung, München 2003, 107f.

[2] Bianca Thierhoff: Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824). Eine Gemäldesammlung für Köln, Köln 1997, 115.

[3] Eduard Firmenich-Richartz: Die Brüder Boisserée. Sulpiz und Melchior Boisserée als Kunstsammler, Jena 1916, 44f.

[4] Heckmann: Sammlung Boisserée (wie Anm. 1), 26f.

[5] Heckmann: Sammlung Boisserée (wie Anm. 1), 44f.

[6] Heckmann: Sammlung Boisserée (wie Anm. 1), 46, 49.

[7] Toni Diederich: Die Säkularisation in Köln während der Franzosenzeit, in: Hiltrud Kier / Frank Günter Zehnder (Hg.): Lust und Verlust. Kölner Sammler zwischen Trikolore und Preußenadler, Köln 1995, 77-84, hier: 80.

[8] Thierhoff: Gemäldesammlung (wie Anm. 2), 116.

[9] Annemarie Gethmann-Siefert / Bernadette Collenberg: Die Kunstsammlung auf dem Weg ins Museum – Anspruch und Wirkung der Bildersammlung der Brüder Boisserée, in: Hiltrud Kier / Frank Günter Zehnder (Hg.): Lust und Verlust. Kölner Sammler zwischen Trikolore und Preußenadler, Köln 1995, 183-191, hier: 183-185.

[10] Heckmann: Sammlung Boisserée (wie Anm. 1), 81.

[11] Thierhoff: Gemäldesammlung (wie Anm. 2), 120.

[12] Gethmann-Siefert / Collenberg: Kunstsammlung (wie Anm. 9), 185; Firmenich-Richartz: Brüder Boisserée (wie Anm. 3), 81.

[13] Vgl. Klaus Pabst: Franz Ferdinand [sic!] Wallraf. Opportunist oder Kölner Lokalpatriot?, in: Geschichte in Köln 23 (1988), 159-177, hier: 171f.

[14] Heckmann: Sammlung Boisserée (wie Anm. 1), 99.

[15] Gethmann-Siefert / Collenberg: Kunstsammlung (wie Anm. 9), 185; Heckmann: Sammlung Boisserée (wie Anm. 1), 99.

[16] Thierhoff: Gemäldesammlung (wie Anm. 2), 119.

[17] Gethmann-Siefert / Collenberg: Kunstsammlung (wie Anm. 9), 185.

[18] Annemarie Gethmann-Siefert: Einleitung. Kunst als Kulturgut, in: Dies. / Bernadette Collenberg-Plotnikov / Elisabeth Weisser-Lohmann (Hg.): Kunst als Kulturgut, Bd. 1: Die Sammlung Boisserée. Von privater Kunstbegeisterung zur kulturellen Akzeptation der Kunst, München 2011, 9-57, hier: 37f.

[19] Heckmann: Sammlung Boisserée (wie Anm. 1), 103.

[20] Hans-Ulrich Thamer: Der Bürger als Sammler in der Frühen Neuzeit, in: Ders. (Hg.): Bürgertum und Kunst in der Neuzeit, Köln 2002, 99-113, hier: 112.

[21] Heckmann: Sammlung Boisserée (wie Anm. 1), 103.

[22] Thierhoff: Gemäldesammlung (wie Anm. 2), 119.

[23] Thierhoff: Gemäldesammlung (wie Anm. 2), 119.

[24] Firmenich-Richartz: Brüder Boisserée (wie Anm. 3), 354f.

[25] Firmenich-Richartz: Brüder Boisserée (wie Anm. 3), 381.

[26] Gethmann-Siefert / Collenberg: Kunstsammlung (wie Anm. 9), 188.

[27] Joachim Deeters: Ferdinand Franz Wallraf. Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln vom 5. Dezember 1974 bis 31. Januar 1975, Köln 1974, 92f.

[28] Thierhoff: Gemäldesammlung (wie Anm. 2), 118.

Empfohlene Zitierweise
Alexandra Nebelung, Sammler-Duo: Die Brüder Boisserée, aus: Gudrun Gersmann, Stefan Grohé (Hg.), Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) — Eine Spurensuche in Köln (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00001), in: mapublishing-lab, 2017,
URL: http://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/sammeln-um-1800/beispiele-der-koelner-sammlungspraxis/sammler-duo-die-brueder-boisseree/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 14.03.2017
Zuletzt geändert: 19.03.2017