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Wallrafs Einsatz für das Kölner Stadtbild und die Denkmäler

Lisa Kröger

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Ferdinand Franz Wallraf übte in den verschiedensten Bereichen Einfluss auf seine Vaterstadt Köln aus und reformierte diese, sei es in der Politik, der Bildung oder der Kultur. Doch auch das Kölner Stadtbild hat der Professor mit seinem Schaffen maßgeblich geprägt und kontinuierlich zu dessen Veränderung und Instandsetzung beigetragen. So begann er bereits unmittelbar nach der Übernahme des Lehrstuhls für Botanik an der Universität zu Köln, den zur medizinischen Fakultät gehörenden Botanischen Garten, dessen Aufsicht mit der Berufung einherging, wieder aufzubauen. Die Anlage, wohl bereits um 1730 angelegt, [1] befand sich zu Wallrafs Zeit in einem stark verfallenen und für Lehrzwecke unbrauchbaren Zustand. Zwischen 1786 und 1788 schaffte der neue Professor für Botanik aus eigenen Mitteln über 2.500 Pflanzen im Wert von etwa 100 Reichstalern an. [2] Dieses Engagement macht Wallrafs Bemühungen um geeignete Lehrvoraussetzungen für die Kölner Studenten deutlich. Auch war ein gepflegter Botanischer Garten sicherlich erforderlich, um dem Vergleich mit anderen Universitätsstädten zu genügen. Später widmete sich Wallraf wohl auch dem zur neuen Zentralschule gehörenden Botanischen Garten in der Nähe des Kölner Doms. Ein dort erbautes Treibhaus im ionischen Stil soll nach Plänen Wallrafs errichtet worden sein. [3] Unklar ist, auf welchen Botanischen Garten sich der Eintrag Biancos bezieht, Wallraf habe „Inschriften auf dem Gewächshause und dem Brunnen im botanischen Garten“ [4] verfasst.

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Neben umfassenden literarischen Werken zur Kölner Stadtgeschichte arbeitete Wallraf auch die Bedeutung einzelner Orte und Denkmäler der Stadt auf und setzte sich unermüdlich für deren Erhalt ein. Als im Mai 1798 die französischen Besatzer begannen, öffentlich angebrachte Adels- und Herrschaftsinsignien abzunehmen und zu verbrennen, machte sich Wallraf für deren Rettung und Aufbewahrung im Zeughaus stark. [5] Von der Stadt wurde er, gemeinsam mit dem Sammler Baron Hüpsch (1730-1805), mit der Leitung einer Sachverständigenkommission betraut, die eine Liste der zu schonenden Wappen und Inschriften vorlegen sollte. [6] Die von der Kommission im Juli 1798 fertig gestellte Liste ist heute jedoch nicht mehr erhalten.

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Nach dem Abzug der Franzosen engagierte sich Wallraf im Frühjahr 1814 wiederrum für die Denkmäler seiner Stadt, indem er begann, eine Denkschrift anzufertigen, die die Verluste der Stadt Köln durch die französische Besatzung auflistete. [7] Die mit dieser Arbeit verbundenen Hoffnungen auf vollständige Rückerstattung und Rückkehr der verlorenen Objekte erfüllten sich jedoch nicht. In zahlreichen Fällen bemühte sich Wallraf aber auch bereits vor dem Abtransport oder der Vernichtung Kölner Kunstgegenstände durch die Franzosen um deren Rettung und versuchte so viele wie möglich selbst zu kaufen und in seiner Sammlung zu verwahren. Auch sein Zeitgenosse Wilhelm Smets (1796-1848) weist in seiner Biographie Wallrafs darauf hin, dass Wallraf zur Zeit der französischen Besatzung zum „Erhalter der Denkmäler seiner Vaterstadt“ [8] geworden sei. In diesem Zusammenhang schildert Smets die teilweise dramatische Rettung Kölner Kunstgegenstände: „Mehr als einmal ließ der, durch das ungefüge Betragen der französischen Kommissarien bis zur Erbitterung gebrachte Patriot vor ihrem Angesichte Alterthümer […], auf deren Besitz sie drangen, ohne weiteres zerschlagen und rettete so die Bruchstücke, die er nachher wieder zusammen fügen ließ, da er das Ganze nicht zu retten im Stande war und denen nicht überlassen wollte“ [9].

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Neben den zahlreichen Antiken der Stadt setzte sich Wallraf insbesondere für die Erhaltung der kirchlichen Kunstgegenstände ein: „Er war es, der damals mit Gefahr für Leben und Ehre die unschätzbaren prächtigen Fenster der Domkirche, diese herrlichsten Meisterstücke der Enkaustik, deren Wegnahme schon beschlossen war, mit Muth und Mitteln seiner Vaterstadt zu erhalten und zu retten wagte“ [10], berichtet etwa Smets. Die Ausstattung der Kölner Kirchen wurde auch durch die Säkularisation bedroht, in deren Zuge zahlreiche Gemälde in privaten Besitz übergingen. Auch in diesen Fällen versuchte Wallraf, so viele Objekte wie möglich zu retten und in seine eigene Sammlung zu übernehmen. So erwarb er beispielsweise im Jahr 1802 das Altarbild des ehemaligen Kapuzinerklosters in Köln, „Die Stigmatisation des heiligen Franziskus“ von Peter Paul Rubens, um es nach eigener Aussage vor Diebstahl oder einem Verkauf weit unter Wert zu schützen. [11] 1806 ließ Wallraf wiederrum einige der durch die Auflösung von Kirchen und Klöstern in Gefahr geratenen Gemälde in den Kölner Dom verlegen. [12] Das Meisterwerk des Kölner Malers Stephan Lochner, das Gemälde "Altar der Stadtpatrone", wurde 1809 von der ehemaligen Ratskapelle der Stadt Köln in den Dom überführt, auch dieses Unternehmen stieß Wallraf wohl selbst mit an. [13] Bereits einige Jahre zuvor hatte er sich an den Feierlichkeiten zur Rückkehr der Reliquien der Heiligen Drei Könige, die 1794 beim Einzug der Franzosen ausgelagert worden waren, beteiligt und einen großen Hymnus auf diese verfasst.

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Aufgrund seiner zahlreichen Bemühungen um die Kölner Denkmäler scheint die Vermutung naheliegend, dass Wallraf bei der glücklichen Heimkehr des Gemäldes Kreuzigung Petri die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten übernahm. [14] Dem berühmten Gemälde Peter Paul Rubens‘ hatte er bereits im Jahr 1800 eine ausführliche Bildbeschreibung gewidmet. In dem Festzug, der vom Kölner Dom zur Kirche St. Peter führte, sollte er dann auch gemeinsam mit Caspar Bernhard Hardy (1726-1819) das Bild zu seinem Bestimmungsort geleiten. [15] Bereits seit längerer Zeit hatte Wallraf um das Andenken Rubens‘ in Köln geworben, ging er doch davon aus, der berühmte Maler sei in Köln geboren. [16] So wurde bereits im Jahr 1805 in einer Kölner Zeitung der Vorschlag Wallrafs für ein Monument zu Ehren des Malers veröffentlicht, jedoch ohne Erfolg. [17] Wallraf blieb es dennoch ein Anliegen, das vermeintliche Geburtshaus Rubens‘ kenntlich zu machen, war das Gebäude doch gleichzeitig der Sterbeort Maria de Medicis (1575-1642). Noch in seinen letzten Lebensjahren ließ Wallraf aus eigenen Mitteln Inschriften am ehemaligen Haus der Familie Rubens‘ in der Sternengasse 10 anbringen, die von der Bedeutung des historischen Ortes zeugen sollten. [18] Erst durch die Bombardierungen des Zweiten Weltkrieges wurden das Haus und die Denkmäler seiner zwei berühmtesten Bewohner vernichtet.

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So veränderte Wallraf nach und nach in vielen Fällen das Kölner Stadtbild. Jedoch war er nicht nur um die Erhaltung der Kölner Geschichte und ihrer Denkmäler bemüht, sondern auch die historische und kulturelle Bildung der gemeinen Kölner Bevölkerung war ihm stets ein Anliegen. Im Jahr 1812 nutzte er etwa die umfassende Neubenennung der Kölner Straßen dazu, Bürgern und auswärtigen Besuchern gleichermaßen die bedeutende Geschichte der Stadt vor Augen zu führen. Auch seine zahlreichen Veröffentlichungen zur Kölner Stadtgeschichte sollten zur Bildung der gemeinen Bevölkerung beitragen und machten ihn zur ersten Anlaufstation, wenn es um die Belange und die Förderung der Stadt ging. Daher wurde ihm zumeist auch die Organisation öffentlicher Empfänge, Beerdigungen und Veranstaltungen anderer Art überlassen. Darüber hinaus trug sein Ruf als ausgewiesener Kenner der Kölner Geschichte, Denkmäler und Sehenswürdigkeiten dazu bei, ihn zu einem begehrten Fremdenführer zu machen und bescherte ihm neue Kontakte. So begleitete Wallraf die bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit durch die Stadt, unter ihnen Kaiser Napoleon Bonaparte und seine Frau Joséphine de Beauharnais (1763-1814) im Jahr 1804, sowie der Freiherr vom Stein (1757-1831) und Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) im Jahr 1815. [19] Mehrmals empfing er den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) und zeigte zuletzt im Jahr 1818, bereits in hochbetagtem Alter, dem österreichischen Kaiser Franz I. (1768-1835) und dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) die Sehenswürdigkeiten der Domstadt. [20]

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Während Ferdinand Franz Wallraf zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Vaterstadt aufstieg, wurde auch seine Wohnstätte, die ehemalige Dompropstei, zum Zentrum des Kölner Gelehrtenaustausches. Bereits im Jahr 1794 überließ ihm sein Förderer, Dompropst Franz Wilhelm Graf von Oettingen (1725-1798), die Dompropstei kostenfrei als Wohnung, damit Wallraf, der ständig in Geldnöten war, sich Mietausgaben sparen könne. [21] Mit dem Einzug der Franzosen und der einsetzenden Säkularisation wurde das Gebäude zunächst zu Staatseigentum erklärt, es folgten Einquartierungen und die Vermietung an andere Personen. [22] Im Jahr 1804 jedoch gewährte die französische Regierung Wallraf lebenslanges Wohnrecht in der ehemaligen Dompropstei. [23] Als Gegenleistung hatte dieser lediglich einen öffentlichen Kurs in Naturgeschichte zu halten, eine Forderung, der der leidenschaftliche Lehrer Wallraf sicherlich gerne nachkam. In den folgenden Jahren wurde das nun zu Wallrafs festem Wohnsitz gewordene Gebäude das kulturelle Zentrum Kölns und seiner Gelehrten. Hier traf sich ab 1810 die „Olympische Gesellschaft“ [24], veranstaltete die „Musikalische Liebhaber Gesellschaft“, später „Verein der Dommusiken- und Liebhaberkonzerte“ ihre Konzerte [25] und konnte die umfangreiche Sammlung Wallrafs von Gästen besichtigt werden. Bereits 1830, nur wenige Jahre nach Wallrafs Tod, wurde die ehemalige Dompropstei abgerissen. Die dort entstandene Fläche erinnert bis heute als „Wallrafplatz“ an die Wohn- und Wirkungsstätte des in Köln hochgeschätzten Gelehrten. Noch heute gehört Ferdinand Franz Wallraf zu den großen Namen Kölns; das Wallraf-Richartz-Museum, Plätze, Straßen und nicht zuletzt seine Statue vor dem Museum für Angewandte Kunst unweit des Wallraf-Platzes erinnern an den Kölner „Erzbürger“. 

Anmerkungen

[1] Vgl. Klaus Napp-Zinn: Die „Kölner Botanik“ zwischen alter und neuer Universität, in: Martin Schwarzbach (Hg.): Naturwissenschaften und Naturwissenschaftler in Köln zwischen der alten und der neuen Universität (1798–1919), Köln / Wien 1985, 120–169, hier: 123f.

[2] Vgl. Gunter Quarg: F. F. Wallraf (1748–1824) und die Naturgeschichte, in: Martin Schwarzbach (Hg.): Naturwissenschaften und Naturwissenschaftler in Köln zwischen der alten und der neuen Universität (1798–1919), Köln / Wien 1985, 1–18, hier: 7.

[3] Vgl. Klaus Müller: Köln von der französischen zur preußischen Herrschaft. 1794–1815, Köln 2005, 117.

[4] Franz Joseph von Bianco: Die alte Universität Köln und die spätern Gelehrten-Schulen dieser Stadt, nach archivarischen und andern zuverlässigen Quellen, I. Theil, Erste Abteilung: Die Alte Universität, Köln 1855, 815.

[5] Vgl. Müller: Köln (wie Anm. 3), 56.

[6] Vgl. Müller: Köln (wie Anm. 3), 56.

[7] Vgl. Joachim Deeters: Ferdinand Franz Wallraf: Ausstellung des Historischen Archivs der Stadt Köln vom 5. Dezember 1974 bis 31. Januar 1975, Köln 1974, 84f.

[8] Wilhelm Smets: Ferdinand Franz Wallraf. Ein biographisch-panegyrischer Versuch, Köln 1825, 25. (Digitalisat Smets: Wallraf)

[9] Smets: Wallraf (wie Anm. 8), 25f.

[10] Smets: Wallraf (wie Anm. 8), 25.

[11] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 46f.

[12] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 66.

[13] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 66f.

[14] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 87.

[15] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 86.

[16] So auch noch Leonard Ennen: Ueber den Geburtsort des Peter Paul Rubens, Köln 1861. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts stellte sich jedoch heraus, dass Rubens tatsächlich in Siegen geboren wurde, in Köln aber seine frühe Kindheit verbrachte.

[17] Joachim Deeters: Der Nachlass Ferdinand Franz Wallraf (Best. 1105), Köln 1987, 290, 368.

[18] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 86; Smets: Wallraf (wie Anm. 8), 70f.

[19] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 98-100.

[20] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 105f.

[21] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 44.

[22] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 45.

[23] Vgl. Deeters: Wallraf (wie Anm. 7), 45.

[24] Vgl. Müller: Köln (wie Anm. 3), 264.

[25] Vgl. Müller: Köln (wie Anm. 3), 373.

Empfohlene Zitierweise
Lisa Kröger, Wallrafs Einsatz für das Kölner Stadtbild und die Denkmäler, aus: Gudrun Gersmann, Stefan Grohé (Hg.), Ferdinand Franz Wallraf (1748-1824) — Eine Spurensuche in Köln (DOI: http://dx.doi.org/10.18716/map/00001), in: mapublishing-lab, 2016,
URL: http://wallraf.mapublishing-lab.uni-koeln.de/wallraf-in-koeln/wirken-und-nachwirkung/wallrafs-einsatz-fuer-das-stadtbild-und-denkmaeler/ (Datum des letzten Besuchs).

Veröffentlicht: 06.10.2016
Zuletzt geändert: 06.10.2016